Einen kurzen Atem haben (4. Mose, Pfarrer Gerhard Metzger)

Predigt zu Reminiscere
4.Mose 21, 4-9
Prediger: Gerhard Metzger, Pfarrer
Oberkrumbach/Altensittenbach, 01.03.2015

Liebe Gemeinde,

kennen Sie das auch? Sie sind über den Winter nicht sehr viel aus dem Haus gekommen. Über Weihnachten wurde etwas mehr gegessen. Das Wetter ist trüb, kalt und regnerisch. Ich habe keine Lust, viel nach außen zu kommen. Dann endlich wird es frühlingshaft. Sie machen sich zu einem schnellen Spaziergang auf oder fahren Fahrrad. Und nach wenigen Minuten denken sie: „O je. Ich bin aus der Puste. Ich muss schnaufen. Keine Kondition mehr. Das kommt davon, hätte ich den Winter über nur nicht so gefaulenzt“. Kein gutes Gefühl! Irgendwie wünscht man sich mehr Antriebskraft, mehr Kondition, wieder in ein sonniges Leben zurückkommen. Ich spüre: „Ich bin außer Atem!“

Kein Wunder, dass dieses Gefühl auch im übertragenen Sinn gebraucht wird. Wenn jemand außer Atem ist, wenn er einen kurzen Atem hat, wenn er sich schnell aufregt, wenn er ungeduldig ist, wenn einer mit nichts zufrieden ist, wenn einer seine Situation ständig bejammert, wenn er das Gute einfach so übersieht, wenn er nur seine eigene Welt im Kopf hat und ständig rummosert. Dann stehe ich daneben und denke: „Wenn du wüsstest, wie es anderen geht. Wenn du wüsstest, wie es mir gerade zumute ist. Wenn du doch mal von dir wegsehen könntest. Wenn du endlich mal nicht nur um die selber kreisen würdest.“

Einen langen Atem haben. Das fällt in unserer Zeit vielleicht noch schwerer wie früher. Einfach, weil alles schneller ist. Das Flugzeug und das Auto – kein Vergleich mit der früheren Pferdekutsche oder dem von einer Kuh gezogenen Wagen. Mal schnell ins Internet, ans Handy, auf Facebook oder „What`s App“. Faszinierend war das für mich, über Skype auf dem Note-Book mit meiner Tochter und ihrer Familie in Indonesien sprechen zu können und sie zu sehen. So einfach mal ganz schnell. Früher musste man einen Brief schreiben und vor vielen Jahren hat das Tage gedauert bis er ankam. Aus Jerusalem habe ich 1978 eine Karte an meine Eltern geschrieben. Sie kam 2 Tage nach meiner Rückankunft an!

Dieses immer schneller und am besten schon angekommen noch bevor man es geschrieben hat – das führt zu einem ungewohnten und oft krankmachenden Lebensstil. Der heißt: Mach doch schnell mal, keine Zeit zu verlieren, das dauert mir viel zu lange, wie lange soll das noch so gehen! Da werden Menschen schnell unzufrieden mit ihrer Situation und ungerecht gegenüber dem anderen. Da geht schnell der Blick auf das Wesentliche verloren und man dreht sich im Kreis. Da wird vergessen, was mich bis hierher begleitet hat und wem ich meine jetzige Lebenssituation verdanke. Da werde ich undankbar, gereizt und bin verärgert. Ich suche einen Sündenbock, der an allem Schuld ist. Da hält das Motzen fröhliche Urstände und das Familienklima oder das Betriebsklima lässt sehr zu wünschen übrig. Ganz leicht regt sich in mir eine Aggression gegen alles. Ich versprühe Gift und Galle gegen meine Mitmenschen. Ich merke nicht, dass ich es bin, der sich ändern muss.

Ich spüre in mir Unmut und ein Vorwurf nach dem anderen kommt aus meinem Mund. Das ist hier eine vergiftete Atmosphäre – solch ein Urteil ist hart. Leider aber oft genug wahr.

Und damit bin ich genau in der Situation des Volkes Israel bei der Wüstenwanderung von Ägypten in das gelobte Land Kanaan.

Das Volk wurde verdrossen auf dem Weg“. Wörtlich aus dem Hebräischen: „Sie hatten einen kurzen Atem.“ Es reichte ihnen. Sie hatten keine Lust mehr. Sie hatten die Schnauze voll. Immer nur Manna und Wachteln. Nur einige Zeit vorher. Da hatten sie wirklich Hunger. Da ernährten sie sich nur ganz mager. Aber Gott hat dann jeden Morgen das Manna geschickt und an jedem Abend Wachteln. Jeden Tag Fleisch! Ich kenne Jugendliche, die haben Wochen lang jeden Tag Salami-Pizza gegessen und sich darüber gefreut. Die hatten es nicht satt, wochenlag dasselbe zu essen, wenn nur tüchtig Wurst und Käse auf dem Teig war.

Die Israeliten waren „gnäschiger“ – wie wir im Fränkischen sagen. Die hatten das Manna und das tägliche Fleisch irgendwann über. Das wäre in Franken eine Probe auf Exempel für viele: Jeden Tag Klöße und Sauerbraten!

Was passiert denn da eigentlich – hier in der Wüste? Es kommt zur Revolte! Sie lehnen sich auf! Dieses äußere Essen stand nur sinnbildlich für die ganze Haltung der Menschen. Es ging ihnen nach der harten Zeit in Ägypten wieder gut. Sie hatten alles, was sie auf der Wanderung in das gelobte Land Kanaan brauchten. Gott hat ihnen sogar einen Weg gezeigt, dass sie nicht durch das Land der Edomiter gehen müssen. Dort hätte es einen Krieg gegeben. Und das sind ja wahrlich keine guten Aussichten. Aber dadurch wurde der Weg auch länger. Nichts mit: Jetzt mal schnell in Kanaan einwandern und dort sesshaft werden. Stattdessen: Noch einmal die lange Tortur. Noch einmal warten müssen. Noch einmal nicht den geraden Weg nehmen können. „Ihr Atem wurde kurz“. Sie hechelten, wenn sie nur an Gott dachten.

Und mit solch einer Glaubenseinstellung geschieht etwas ganz eindrucksvoll: Es kommt Gift in die Beziehung zwischen ihnen und Gott. Hier in der Geschichte in der Gestalt von giftigen Schlangen. Da hatten sie dann die Schnelligkeit, die sie sich wünschten. Ehe sie sich umgeschaut haben, waren sie gebissen und sind gestorben. Ich kann auch formulieren: Die Israeliten haben rumgegiftet und jetzt hatten sie ihr Gift!

Noch aber waren sie bereit zur Wende. Sie erkannten ihre Sünde und bitten Gott bei Mose um Heilung. Aber so leicht hat es Gott ihnen auch wieder nicht gemacht. Nicht, weil er ärgerlich über sie gewesen wäre. Nein, sie sollten etwas lernen über ihre Beziehung zu ihm. Mose stellt diese kupferne Schlange als ein Feldzeichen auf. Ein Feldzeichen ist eine Fahne wie in einer Schlacht. Es ist das Zeichen dessen, für den man kämpft. Es soll Mut geben und Kraft schenken. Die Menschen sollen lernen: Gott ist mehr als der schnelle Nothelfer. Also: Eine schwierige Situation – ist natürlich Gott schuld. Es geht mal wieder nicht so wie ich es gerne im Leben hätte – warum nur verweigert Gott immer meine Wünsche? Ich würde gerne andere Lebenswege finden – warum zeigt sie mir Gott nicht? Dieser Gott sollte schon so sein wie ich das gerne hätte. Aber das ist nicht so. In mir wächst Bitterkeit gegenüber Gott, die wie ein Gift wirkt. Ich merke das und fühle mich wie gebissen, werde krank im Glauben zu Gott.

Ach Herr, vergib mir meine Sünde“. Gott hat ein Feldzeichen gesetzt. Da schau drauf. Es steht auf dem Hügel Golgatha. Es ist das Kreuz von Jesus. Schau auf ihn als Zeichen des Vertrauens. Das hat so auch schon der Apostel Johannes in seinem Evangelium ausgedrückt: „Wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöht hat, so muss auch der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, nicht verlorengehen“ (Jo 3,14).

Deshalb ist dieser atl. Text eine besonders gute Botschaft in dieser Passionszeit. Denn am Kreuz hält Jesus unseren Widerspruch, unsere Auflehnung, unsere Revolte gegen Gott selbst aus. Aber wir müssen hinschauen, weil wir anders keine Antwort auf unsere Fragen bekommen. Diese Auflehnung gegen Gott zerstört meine Beziehung zu ihm. Aber das Hinschauen auf das Kreuz von Jesus entgiftet mich und heilt den Riss zwischen ihm und mir.

„Das Kreuz ist aufgerichtet, der große Streit geschlichtet. Dass er das Heil der Welt in diesem Zeichen gründe, gibt sich für ihre Sünde der Schöpfer selber zum Entgelt“.

Amen

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