Wenn Corona will, steht (noch mehr) still, Update 242 vom 12.11.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die Hoffnung nicht verlieren

Ich schaue aus dem Fenster. Wir haben Mitte November. Es ist trüb und relativ kalt. Ich denke zurück an bestimmte Situationen in meiner Kindheit an solchen Novembertagen. In mir ist ein Bild aus dem Jahr 1977. Es war das letzte Jahr, in denen bei uns auf dem Bauernhof Zuckerrüben angebaut wurden. Ich erinnere mich, dass es immer ein Abwägen war, wann die Zuckerrüben geerntet werden sollten. Ein Landwirt hatte ein bestimmtes Kontigent für seine Zuckerrübenlieferung in die Fabrik nach Ochsenfurt. Irgendwann kam dann der örtliche Vertreter und teilte den Termin für den nächsten Eisenbahnwaggon (die Zuckerrüben wurden damals zum Bahnhof gebracht) mit. Der Landwirt konnte den Termin akzeptieren oder einmal in der Erntesaison ablehnen. Dann wurde er aber zeitlich nach hinten „geschoben“. Die Chance war, dass dann die Zuckerrüben größer waren und der Ertrag höher. Die Gefahr war aber, dass mancher Waggon so spät terminiert war, dass es schon Frost gab oder dass bei der Ernte sehr viel Dreck an den Zuckerrüben haftete. Dieser Prozentsatz an Dreck wurde natürlich von der Gesamtmenge abgezogen. Also hieß es oft genug für uns als Familie: Auf dem Feld die Zuckerrüben mit einem Holzspan säubern und jede einzelne Zuckerrübe auf den Wagen werfen.

Das war dann oftmals im November und eine wahre „Drecksarbeit“. Dieser Zuckerrübenanbau hatte so dazu geführt, dass unser Kirchweifest vom Sonntag nach Michaelis in den November gerückt war. Und auch dann war oft genug die Zuckerrübenernte noch nicht vorbei.

Der Herbst 1977 war sehr nass. Die Zuckerrüben wurden relativ dreckig geerntet. Aber es sollte das letzte Mal sein, weil mein Vater damals einen Teil der Landwirtschaft auf Bullenmast umgestellt hat. In diesem Herbst 1977 sehe ich meine Mutter auf dem Feld wie sie eine Zuckerrübe nach der anderen mit solch einem Holzspan gesäubert hat. Auch andere halfen mit. Ich war damals gerade 19 Jahre alt und kann mich wohl deshalb an die folgende Szene sehr gut erinnern. Irgendwann im Laufe der „Säuberungsaktion“ höre ich meine Mutter mehrmals sagen: „Bin ich froh, wenn das alles vorbei ist. Bin ich froh, dass diese Zuckerrübenernte zum letzten Mal bei uns ist“.

Diese Hoffnung auf das Ende hat ihr die Kraft gegeben, auch in jenem Jahr noch einmal kräftig mitzuhelfen. Aber das Ende war in Sicht und sie hoffte auf bessere Zeiten. Ob sie das dann ein Jahr später so empfunden hat? Ich habe sie nie danach gefragt! Aber ganz ehrlich: Vielleicht hatte sie ähnliche Gefühle wie ich, wenn ich mir das Ende der Coronapandemie herbeisehne. Und seit dem letzten Wochenende gibt es dafür wieder mehr Hoffnung. Denn die deutsche Firma Biontech macht Mut, dass ein Impfstoff doch in naher Zukunft zu erwarten ist. „Hoffnung, die sich verzögert, ängstet das Herz; wenn aber kommt, was man begehrt, das ist ein Baum des Lebens“ (Sprüche 13, 12).

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