Archiv des Autors: Pfr. Gerhard Metzger

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 197 vom 28.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Jom Kippur

Heute feiern die Juden ein besonderes Fest: Jom Kippur. Es ist der große Versöhnungstag. Es ist der höchste jüdische Feiertag und findet immer 10 Tage nach dem jüdischen Neujahrsfest statt. Es ist Abschluss und Höhepunkt der zehn Tage der Reue und Umkehr. Im dritten Buch Mose im 16. Kapitel ist es genau beschrieben: „Am zehnten Tag des siebten Monats sollt ihr fasten und keine Arbeit tun, weder ein Einheimischer noch ein Fremdling unter euch. Den an diesem Tag geschieht eure Entsühnung, dass ihr gereinigt werdet; von allen euren Sünden werdet ihr gereinigt vor dem Herrn“ (3. Mosebuch 16, 29 – 30).

Nur an diesem Tag durfte der Hohepriester in das Allerheiligste im Tempel gehen, um stellvertretend für das Volk die Vergebung der Sünden zu empfangen. Er besprengte die Bundeslade mit dem Blut von zwei Opfertieren. Auch zwei Böcke wurden geopfert. Der eine zur Reinigung des Tempels. Beim anderen Ziegenbock hat der Hohepriester die Hände aufgelegt um damit symbolisch die Sünden des ganzen Volkes auf das Tier zu übertragen. Dann wurde der Bock über den Rand der Bergklippen in der judäischen Wüste geschickt, wo er starb. Von dieser Handlung kommt bis heute der Ausdruck des „Sündenbockes“.

Für mich ist dieser jüdische Feiertag vor allem 1973 in das Bewusstsein getreten. Damals hatten die Staaten um Israel herum einen Krieg angefangen und wollten das Land aus der Karte auslöschen. Die Menschen im Staat Israel waren in Schockstarre und völlig unvorbereitet. Wie durch ein Wunder konnten die jüdischen Soldaten aber zurückschlagen und gingen zum Gegenangriff über. Der UN-Sicherheitsrat hat mit der Resolution 338 zum Waffenstillstand aufgerufen und dieser Krieg wurde beendet. Die nachfolgende sog. Ölkrise hat auch die Staaten der westlichen Welt getroffen.

Der Krieg hatte aber dann doch noch etwas Gutes. Der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat hatte erkannt, dass es einen Friedensvertag mit Israel geben muss. Dieser ging schließlich am 26. März 1979 als Camp-David-Abkommen in die Geschichte ein und kostete dem ägyptischen Präsident durch ein Attentat am 6. Oktober 1981 das Leben. Dennoch ist Jom Kippur ein Symbol dafür, wie aus einer Krise heraus etwas Gutes entstehen kann. Und das ist meine Hoffnung auch für diese Coronapandemie.

Gottesdienste in der Thomaskirche

Wir feiern jeden Sonntag Gottesdienst in der Thomaskirche um 9.30 Uhr. Bitte beachten Sie die Hygienebestimmungen in der Coronakrise. Bitte bringen Sie einen Nasen-Mund-Schutz mit. Er kann auf dem Sitzplatz abgelegt werden. Beim Singen muss er wieder aufgesetzt werden.

Besondere Gottesdienste feiern wir am und um das kommenden Erntedankfest:

Wir feiern am 04.10.2020 um 9.30 Uhr den Festgottesdienst mit traditionellen Liedern. Um 11.00 Uhr feiern wir einen Familiengottesdienst. Um 15.00 Uhr feiern wir einen Gottesdienst mit neuen geistlichen Liedern. Parallel dazu feiern wir einen Kindergottesdienst. Kinder treffen sich dazu im Gemeindehaus.

Am Samstag, den 03.10.2020 laden wir ein zu „Deutschland singt“ um 18.00 Uhr auf dem freien Gelände neben der Kirche. Wir bringen den Dank zu 30 Jahre friedliche Wiedervereinigung gegenüber Gott mit 6 – 8 bekannten Liedern zum Ausdruck. Beim Hinein- und Hinausgehen muss der Nasen-Mundschutz getragen werden. Beim Singen mit 2 m Abstand kann er abgelegt werden.

Am Freitag, den 02.10.2020 feiern die Jugendlichen den Jugendgottesdienst Vitamin C um 18.00 Uhr. Er findet entweder im Freien oder in der Thomaskirche statt.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 196 vom 27.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die eingemauerte Bibel

Als es den St. Gotthard-Tunnel noch nicht gab, zog eine Gruppe von Maurern aus der Gegend von Lugano nach der Innerschweiz, weil sie dort mehr Geld verdienen konnten. Unter ihnen war Antonio. Eine Dame bot ihm eine schöne, in Leder gebundene Bibel zum Geschenk an. Er nahm sie mit, aber gelesen hat er nicht darin. Bei seiner Arbeitsstelle in Glarus musste er beim Bau eines großen Hauses mithelfen. Beim Verputzen einer Mauer sah er ein Loch, das noch zugemauert werden musste. Plötzlich fiel ihm die Bibel ein, die er in seinem Sack hatte und er sagte zu den Kameraden: „Jungs, ich weiß jetzt einen schönen Spaß. Ich stecke die Bibel in dieses Loch“. Die Bibel ging knapp hinein, nur der Einband wurde etwas beschädigt.

Am 10. Mai 1861 wütete in Glarus ein großer Brand. Die ganze Stadt war eine schreckliche Ruine. Ein Maurerpolier aus Norditalien, Johannes, hatte den Auftrag, ein noch neues Haus, das teilweise eingestürzt war, zu untersuchen. Er klopfte mit seinem Hammer und plötzlich fiel ein Brocken Mörtel herunter. Zu seinem Erstaunen fand er ein Buch, das in die Mauer eingeklemmt war. Er zog es heraus. Es war eine Bibel. Das war doch wirklich sonderbar. Johannes fing in seiner Freizeit an, fleißig in der Bibel zu lesen. Durch dieses Lesen fand er zum Glauben an Jesus.

In seiner Freizeit ging er mit einem Koffer voll Bibeln in die Dörfer der Umgegend, um diese zu verkaufen. So kam er auch in die Gegend, wo Antonio wohnte. Auf einem Jahrmarkt errichtet er einen Stand mit Bibeln. Als Antonio vorbeischlenderte, blieb er stehen und sagt: „Oh, Bibeln, die habe ich nicht nötig! Da brauche ich bloß nach Glarus zu gehen, denn da habe ich noch eine, die in einer Wand eingemauert ist“. Ernst sah Johannes den jungen Mann an. Ihm war sofort alles klar und er sagte: „Seien sie vorsichtig, junger Mann, Spotten ist leicht, aber was würden Sie sagen, wenn ich ihnen diese Bibel zeigte“. „Du kannst mir nichts vormachen“, sagte Antonio, „ich würde sie sofort wiedererkennen; denn ich habe sie gezeichnet. Und ich sage dir. Selbst der Teufel kriegt sie nicht aus der Mauer!“ Johannes holte die Bibel hervor und fragte: „Kennen Sie das Zeichen, mein Freund?“ Antonio war sprachlos, als er die beschädigte Bibel sah. Aber sein Hass gegenüber Gott steigerte sich noch mehr und Johannes bekam von Antonio und seinen Freunden Schläge und Tritte.

Eines Tages fiel Antonio von einem 17 m hohen Gerüst. Er kam schwerverletzt ins Krankenhaus. Johannes erfuhr das und besuchte ihn. Antonios Herz blieb wie ein Stein. Johannes aber besuchte ihn jede Woche. Tatsächlich begann Antonio in der Bibel zu lesen. Allmählich begann das Herz von Antonio aufzuweichen. Seine Seele war genesen, aber seine Hüfte blieb lahm. Seine frühere Arbeit konnte er nicht mehr tun. Er fand leichtere Arbeit, und später führte er eine glückliche Ehe mit der Tochter des Johannes. Sein Schwiegervater war nun gleichzeitig sein Freund. Nach seinem Tod galt seinen Kindern diese eingemauerte Bibel als das schönste Erbstück.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 195 vom 26.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die ersteigerte Bibel

Im Jahr 1817 heiratete im Bergischen Land im Ort Witzhelde der Schuhmacher Arnold Breidenbach seine Frau Friederike. Er hatte 200 Silbertaler und konnte damit ein kleines Anwesen erwerben. Es herrschte große Armut, weil das Land unter der Franzosenherrschaft von Napoleon Bonaparte gelitten hatte. Arnold Breidenbach war ein frommer Mann. Leider fand er im ganzen Dorf keinen Gesinnungsgenossen. Er verdiente etwa acht Groschen am Tag und konnte ein wenig für den Sparstrumpf zurücklegen. Das Ehepaar bekam einen Sohn, der mit den Eltern im einzigen Bett schlief. Dann kam das zweite Kind. Es lag noch in der Wiege, stieß aber mit Kopf und Füßen oben und unten an. Das dritte Kind war unterwegs.

Eines Tages gab es die Gelegenheit, ein Bett in der Gaststätte zu steigern. Arnold Breidenbach nahm die ersparten 17 Taler mit und ging in die Gastwirtschaft. Die Auktion begann. Das erste, was zur Versteigerung kam, war eine Bibel, etwa 120 Jahre alt und 7 kg schwer. Die anderen Besucher begannen Witze darüber zu machen. Arnold Breidenbachs Herz krampfte sich zusammen und er bot einen Taler für die Bibel. „Hochtreiben“ raunten sich die Leute zu. Der Schuhmacher bot immer mit. Schließlich erhielt er bei 17 Talern den Zuschlag.

Still nahm er seine Bibel und ging nach Hause. Als er dort ankam, war die erste Frage seiner Frau. „Was hast du denn da?“ „Eine Bibel“. „Und wo ist das Bett?“. „Ich habe kein Bett“. „Warum nicht?“ „Wegen der Bibel“. „Wie teuer war die Bibel?“ „17 Taler!“. Seine Frau antwortete mit Vorwürfe und Argumente. Er antwortete: „Ich hab es nicht ertragen, wie sie das heilige Buch verspottet haben“. Der Haussegen hing an diesem Tag schief!

Am nächsten Tag erschien in aller Frühe ein Müller aus der Nachbarschaft. Er kratzte sich verlegen an den Kopf und sagte: „Die Sache ist so. Ich komme wegen der Bibel und dem Bett. Als ich meiner Frau gestern die ganze Geschichte erzählt habe, hat sie mir gehörig den Kopf gewaschen. „Immer müsst ihr Männer spotten, wenn ihr getrunken habt“, hat sie gesagt. Den ganzen Abend hat sie mir keine Ruhe gegeben und mir gepredigt. Und heute in aller Frühe hat sie mich geweckt. Die ganze Nacht habe sie nicht geschlafen, sagte sie. Ich solle aufstehen und mit dem Knecht ein Bett aus der Gesindestube, das nicht gebraucht werde, zu euch bringen. Sie hat noch Stroh geschnitten und neue Bettwäsche aufgezogen. Bitte, seid so freundlich und nehmt das Bett, sonst bekomme ich keine Ruhe“.

Arnold Breidenbach hatte inzwischen seine Frau herzugerufen. Nun schauten sich beide an, und Frau Breidenbach ging hinaus und machte es wie seinerzeit Petrus – sie weinte. Das Bett wurde abgeladen und in der Kammer aufgestellt. Am Abend las Arnold Breidenbach seiner Frau aus Psalm 37: „Habe deine Lust an dem Herrn, der wir dir geben, was dein Herz wünscht. Befiehl dem Herrn deine Wege, und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen“.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 194 vom 25.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die edle Gabe

Herr, dein Wort, die edle Gabe, diesen Schatz erhalte mir, denn ich ziehe es aller Habe und dem größten Reichtum für. Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn? Mir ist`s nicht um tausend Welten, aber um dein Wort zu tun“.

Dieses Lied steht im Evangelischen Gesangbuch unter der Nr. 198. Die Gesangbuchkommission hat vor fast 30 Jahren dieses Buch so zusammengestellt, dass von der Nr. 193 bis zur Nummer 199 insgesamt sieben Lieder dieses besondere Buch zum Klingen bringen. Das Wort Gottes als „edle Gabe“. Ich erinnere mich an etliche Besuche. Die Besuchten zeigen mir zum Beispiel die Bibel, die sie zu ihrer eigenen Hochzeit vom Pfarrer erhalten haben. Es sind besondere Bibeln. Sie haben eine wunderschöne Aufmachung, meist mit einer Zeichnung oder einem Bild auf dem Außenband. „Schauen Sie mal, Herr Pfarrer. Wie schön diese Traubibel noch aussieht. Wir bewahren sie ganz besonders. Da darf auch niemand hingehen und sie berühren. Auch wir selbst lassen sie immer im Schrank stehen, weil sie dann auch schön bleibt“. Voller Stolz erzählen mir die Menschen, wie sie ihre Traubibel schonen und nicht darin lesen.

Ich höre mir das an und nicke ein wenig dazu. Aber ich verfalle nicht in Freudenausbrüche. Ich bleibe eher ein wenig distanziert. Ob das die Zuhörer immer merken? Ich weiß es nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Lieddichter Nikolaus v. Zinzendorf das so gemeint hat, wenn er mit 25 Jahren dieses Lied so gedichtet hat. Die Bibel als eine „edle Gabe“, als ein wertvolles Buch zu begreifen, das am besten im Schrank stehen bleiben soll?

Vielleicht ist damit auch etwas ganz anderes gemeint. Nämlich, dass der Inhalt der Bibel ein „edler Schatz“ sein soll. Dass die Worte der Bibel so ins Herz hineingehen, dass Menschen darin Trost, Hilfe und Kraft finden. Dass es eine „edle Gabe“ ist, weil wir darin den Willen Gottes erkennen können.

Vor allem auch: Ich sehe die Verheißungslinie Gottes mit den Menschen. Von der Schöpfung über Noah zu Abraham und Mose, den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten bis zur Landnahme in Kanaan. Die Bedeutung von Jerusalem als Davidstadt bis hin zu dem Ort, an dem Jesus gekreuzigt und auferstanden ist. Es zieht sich eine sehr große Verheißungslinie durch die Bücher der Bibel.

Kein Wunder, dass Zinzendorf dieses Buch als „edle Gabe“ bezeichnet hat. Und  deshalb werde ich in den nächsten Tagen insgesamt dreimal eine besondere Geschichte zu diesem „Buch der Bücher“ als Update schreiben von Menschen, die damit besondere Krisensituationen erlebt haben.

Halleluja, Ja und Amen! Herr, du wollest auf mich sehn, dass ich mög in deinem Namen fest bei deinem Worte stehn. Lass mich eifrig sein beflissen, dir zu dienen früh und spat und zugleich zu deinen Füßen sitzen, wie Maria tat“ (V. 2 von EG 198).

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 193 com 24.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Das erste Mal

Gerhard, du bist doch jetzt im zweiten Semester. Da könntest du doch mal einen Gottesdienst halten. Ich bin am 24. September in Oestheim (bei Schillingsfürst) eingeteilt und kann jetzt doch nicht. Außerdem kennst du doch schon ein wenig die Gemeinde. Du spielst doch dort alle zwei Wochen die Orgel“. So redete ein Freund im Sommer 1978 mit mir. Er hatte in allen Punkten Recht. Aber es kostet vermutlich jedem eine gewisse Überwindung, zum ersten Mal in einem sonntäglichen Hauptgottesdienst zu predigen und auch den gesamten Gottesdienst zu leiten. Gut, vor der Liturgie hatte ich keinen Bammel. Schließlich spielte ich seit Jahren sonntäglich die Orgel. Aber die erste Predigt?? „Gut. Mache ich für dich. Einmal muss es ja sein“. Meine Antwort erfreute meinen Freund, der gerade vor dem ersten Examen stand und schon viele Jahre Predigterfahrung hatte.

Ich suchte den Text heraus und fand: Apostelgeschichte 16, 9 – 16. Es ist die Geschichte, in der Paulus nach Philippi kam und die Purpurhändlerin Lydia sich bekehrte (siehe mein Update 142 vom 04.08.2020). Ich fahre also am 24.09.1978 nach Oestheim und bereite mich in der Sakristei auf den Einsatz vor. Die Liturgie klappt. Ich gehe auf die Kanzel. Nach dem sog. Kanzelgruß folgt die Textlesung, stilles Gebet und die Predigt beginnt.

Ich schaue auf die Zuhörer und was sehe ich unter anderem? Meinen Freund!! Er sitzt in der Empore bei den Männern. Er versucht sich etwas wegzudrücken. Aber ich sehe ihn. Im Stillen denke ich beim Reden: Hatte er nicht gesagt, keine Zeit zu haben??!! Im Gottesdienst waren noch einige Freunde von mir.

Danach redeten wir miteinander. Ich aber wollte nur mit meinem „verhinderten“ Predigerfreund reden. „Hattest du nicht gesagt, du bist heute nicht da und ich sollte für dich den Gottesdienst halten?“ „Ja, schon. Aber ich wollte unbedingt, dass du einmal selbst den Gottesdienst mit Predigt machst. Und da habe ich zu einer Notlüge gegriffen“. Tja, was sollte ich dazu sagen. Aber vielleicht muss jede/r angehende/r Pfarrer/in zu ihrem/seinem Glück – sprich zum ersten Gottesdienst – geholfen werden. Anders wäre der Mut vielleicht doch nicht so groß.

Persönlich war für mich noch interessant, dass mein Vater mir an diesem Tag erklärte, dass am Verlobungssonntag meiner Eltern 1955 ebenfalls dieser Text gepredigt wurde. Und das war für die beiden ein besonderes Geschenk. Denn meine Mutter hieß: Lydia!!

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 192 vom 23.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Vergiss den Sommer nicht

Ich weiß nicht, was Sie für ein Typ sind. Ich jedenfalls liebe den Frühling und den Sommer. Ich bin immer traurig, wenn die Tage kürzer sind als die Nächte. 1980 wurde die Sommerzeit eingeführt und ich war darüber begeistert. Ich erinnere mich an meine Kinder- und Jugendzeit. Wenn wir dann am Abend noch Fußball gespielt haben, dann wurde es selbst von Mitte Juni bis Mitte Juli schon gegen 21.00 Uhr dunkel. Im August haben wir dann immer mit einem weißen Ball gespielt und zwar solange bis nur noch dieser Ball zu sehen war.

Seit Einführung der Sommerzeit vor genau 40 Jahren genieße ich es, bis 22.00 Uhr die Sonnenstrahlen zu sehen. Wenn ich am Baggersee in Happurg noch so spät schwimmen kann, schwimme ich dem Sonnenuntergang „entgegen“ und freue mich daran. Die zweimalige Zeitumstellungen machen mir da nichts aus. Die verkrafte ich gut und nehme sie mir für diese „Abenderlebnisse“ gerne auf mich. Vor einigen Jahren wurde entschieden, dass die Umstellung auf die MEZ (Mitteleuropäische Zeit) um vier Wochen verschoben wird. Deshalb beginnt sie erst am letzten Sonntag im Oktober. Das finde ich persönlich klasse. So kann ich auch den Oktober noch relativ „hell“ genießen.

„Vergiss den Sommer nicht“. Ja, den will ich nicht vergessen. In langen Winternächten denke ich daran, auch wenn ich nicht Frederic heiße und ich auch keine Maus bin. In der Bibel wird der Sommer im Lukasevangelium als Bild für das nahekommende Gottesreich hergenommen. „Sehet an den Feigenbaum und alle Bäume: wenn sie jetzt ausschlagen, so sehet ihr es an ihnen und merkt, dass jetzt der Sommer nahe ist. Also auch ihr: wenn ihr dies alles seht angehen, so wisset, dass das Reich Gottes nahe ist“ (Lk 21, 30 – 31). Für mich eine sehr schöne Vorstellung. Wenn das Reich Gottes sichtbar ist, dann ist Sommer nicht nur in meinem Herzen, sondern für das ganze Universum.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 191 vom 22.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Gericht und Erbarmen Gottes

Hoffentlich haben sie vor drei Tagen das Update 188 gelesen. Ich habe davon gesprochen, warum sich die Menschen in Deutschland um den Jahreswechsel einen „Guten Rutsch“ wünschen und dass dies nichts mit „Rutschen“ o. ä. zu tun hat. Es stammt von dem jiddischen Neujahrsgruß „Rusch tob“. Die Juden in Deutschland wünschten sich damit einen „guten Anfang“ des neuen Jahres.

Weil die Juden nach dem Mondkalender gehen und nicht wie wir nach dem Sonnenkalender, ist ihr Neujahrstag nicht wie bei uns am 01.01. jeden Jahres. Er liegt in der Regel um den Herbstanfang. In diesem Jahr feierten sie diesen vom 19.09. auf den 20.09.2020. Für Juden beginnt der Tag am Abend gegen 18.00 Uhr und endet 24 Stunden später. Für sie ist der Neujahrstag vor allem der Jahrestag der Weltschöpfung durch Gott und damit auch der Jahrestag der Erschaffung von Adam. Es ist der Tag der Forderung, Bilanz zu ziehen über das moralische und religiöse Verhalten im abgelaufenen Jahr. Die Menschen treten mit Gebeten für eine gute Zukunft vor Gott. An diesem Tag beginnen die zehn „ehrfurchtsvollen Tage“, die mit dem Versöhnungsfest Jom Kippur enden. Weil dadurch an das Erbarmen Gottes erinnert wird, ist dieser Tag ein Freudentag. Um das auch hörbar zu machen, wird das sog. Schofar geblasen (siehe mein Update 50 v. 04.05.2020).

Ich finde diese Verbindung von „Gericht und Erbarmen Gottes“ mit der „Freude über Gottes Schaffen und Vergebung“ genial. Martin Luther hat von „Gericht und Gnade“ gesprochen. Und wenn nicht als zu Beginn eines Jahres kann das sehr deutlich werden. Dazu passt sehr gut auch der dazugehörige Segensspruch: „Ihr möget zu einem guten Jahr eingeschrieben werden“. Und das nehme ich in diesem Coronajahr noch mehr an als in sonstigen Jahren.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 190 vom 21.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Alles liegen und stehen lassen

Da sitzt er in seinem Häuschen und wartet darauf, dass einer nach dem anderen vorübergeht. Meist sind die Gespräche mit den Menschen für ihn nicht sehr angenehm. Die ankommenden Kaufleute und Bauern sind wütend und schreien ihn an. „Du bist ein Halsabschneider“ ist noch ein freundlicher Ausdruck. „Du bist ein Dieb, ein Betrüger. Du willst nur Geld scheffeln und uns betrügen“. Solche Worte sind schon heftiger. Aber er hat sich daran gewöhnt. Was ihn wirklich ärgert ist, dass er als „Kollaborateur zu den Römern“ hingestellt wird. Dabei macht er nur seinen „Job“. Er versucht diesen gut zu machen und nach bestem Gewissen zu handeln. Gut. Manchmal fällt das schwer. Er will natürlich auch Geld verdienen und gut leben. Er muss dafür Kompromisse eingehen. Denn als Zöllner arbeitet er zusammen mit den Römern, die das Land seit vielen Jahren besetzt halten. Aber jeder versucht halt, irgendwie gut durch das Leben zu kommen.

Fast schon teilnahmslos im Alltagstrott geht dieser Tag so dahin. Er blickt auf und sieht von weitem einen Mann, der ihn mit klaren Augen ansieht. Dessen Blicke bleiben bei seinen Augen hängen. Der Mann geht langsam auf ihn zu und spricht ihn mit einer freundlichen, aber klaren Stimme direkt an: „Folge mir“! Er ist verdutzt. Er weiß gar nicht genau, warum? Aber er lässt alles stehen und liegen, verlässt sein Zollhaus und folgt diesem Mann nach. Keine langen Überlegungen, keine Fragen. Kein: Wie geht das jetzt weiter? Was werden die Leute sagen? Wer kümmert sich um die nach Jerusalem Hereinkommenden? Wie werden die Römer reagieren? Er steht einfach auf und folgt diesem Rabbi nach.

Und er stand auf und folgte ihm“. So steht es im Matthäusevangelium im 9. Kapitel, Vers 9. Klar und deutlich war der Ruf zur Nachfolge von Jesus an den Zöllner Matthäus. Ein Beispiel dafür, wie Menschen erkennen, wer Jesus ist. Manchmal braucht es dazu eben keine langen Erläuterungen, kein Für und Wider, keine Erklärungen und Begründungen. Einfach so! Jesus nachfolgen – das genügt erstmals. Daran denke ich heute, am Gedenktag des Matthäus. Er ist ein Beispiel dafür, wie Menschen alles liegen und stehen lassen können, wenn sie den Ruf von Matthäus hören.

Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 189 vom 20.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Die Sorge wie einen Ball wegwerfen

Es war im Mai 1974. Mit dem Kleinbus fahren etliche Schüler der Oskar-von-Miller-Realschule Rothenburg nach Bad Windsheim. Es ist ein mittelfränkisches Fußballturnier von Realschulen angesetzt. Weil der etatmäßige Torwart verletzt war, durfte (musste) ich als Reservetorwart diese Position einnehmen. Ich war gefühlsmäßig von Stolz und Sorge und Angst hin – und hergerissen. Einmal in der Schulmannschaft zu stehen! Was für eine Auszeichnung! Und wenn ich dann Fehler mache? Wenn ich ein Tor verschulde? Der Torwart ist ja in einer „blöden“ Situation. Ein einziger Fehler kann ein Spiel entscheiden. Ein Feldspieler dagegen kann sich viele Fehler erlauben ohne dass ein Gegentor fallen muss.

Und dann ging es auch richtig los. „Wirf mir den Ball zu“. „Nein, wirf ihn mir zu“ „Warum hast du ihn nicht mir gegeben?“. Immer wieder gab es diesen Ruf bei diesem Turnier. Ich war der einzige Spieler, der nicht in einer Jugendmannschaft in einem Verein regelmäßig gespielt hat. Ich hatte aber (habe ich diese immer noch??) relativ gute Reflexe und war mir nicht zu schade, mich auch mal ins Getümmel zu werfen. Als Feldspieler fühlte ich mich viel sicherer. Heute im Alter spiele ich dann lieber im Tor, wenn ich mit Jüngeren spiele, weil meine Schnelligkeit natürlich nachgelassen hat.

Aber ich denke fast jedes Mal an dieses besondere Turnier in meinem Leben, wenn ich eine bestimmte Bibelstelle lese. „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch“ (1. Petrusbrief 5, 7). Es ist der Wochenspruch für die kommende Woche. Tatsächlich steht im griechischen Text das Wort „ballein“. Es bedeutet „wegwerfen“ und von ihm ist das deutsche Wort „Ball“ abgeleitet. Mit der Sorge kann ich wie mit einem Ball umgehen. Ich soll diese „wegwerfen“. Vermutlich geht das aber nicht so einfach.

Das Thema „Loslassen“ ist grundsätzlich schwierig (siehe Update 22 vom 06.04.2020). Was einmal in meinem Herzen ist und was mich berührt, hat einen Platz in mir. Es ist schwierig, das dann so loszulassen, dass es mich nicht mehr beeinflusst. Mir hilft es, wenn ich das Umfeld (den sog. Kontext) des Bibelverses anschaue. Vorher in V. 6 heißt es: „So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit“. Im nachfolgenden Vers 8 lese ich: „Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge“. Beide Verse zeigen auf, dass die Sorge im Zusammenhang von sichtbarer und unsichtbarer Welt gesehen werden muss. Über das, was vor Augen zu sehen ist, kann die Sorge mein Denken und Handeln in dieser Welt beherrschen und ich bin unfähig zum Handeln und zum Leben in Beziehungen. Die Sorge umkreist mich und lähmt mich.

Das Bild des brüllenden Löwen erinnert mich daran, dass dieses Tier einen Laut ausstoßen kann mit ca. 140 Dezibel. Er ist damit kilometerweit zu hören. So kann es mit der Sorge auch sein. Sie nimmt mich so gefangen, dass ich die Freiheit der Kinder Gottes nicht mehr leben kann. Da gibt der Apostel einen Zielpunkt vor. Dieser heißt: Schau darauf, dass Gottes Hand größer und gewaltiger ist als alle Mächte der Finsternis. Der Journalist Peter Hahne hat einmal gesagt: „Mitten in der Sorge des Alltags darf ich in der Fürsorge Gottes leben“.