Wenn Corona will, steht (noch mehr) still, Update 268 vom 08.12.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Wie bin ich?

Samstag, der 29.08.2020. Vor mir liegt die Wochenendausgabe der Hersbrucker Zeitung. Wieder einmal gibt es gleich auf der ersten Seite ein interessantes Thema. „Ich bin fett, ich bin hässlich“ – lautet die Überschrift. Der Autor beschäftigt sich damit, dass eine Bloggerin darüber schreibt, wie sie ihren eigenen Körper wahrnimmt. Sie ist auf dem Bild auch zu sehen. Sie berichtet, wie sie von anderen Menschen belästigt und diskriminiert wird, weil sie nicht mit dem üblichen Schlankheitsideal mithalten kann. In der Coronakrise bewegen sich anscheinend die Menschen noch weniger und nehmen zu. So die Aussage eines Arztes.

In mir kommen sofort Gedanken an den Herbst 1969 hoch. Ich bin damals in die Volksschule nach Steinsfeld (bei Rothenburg) gegangen. Das lag daran, dass die einzelnen Dörfer eine Verbandsschule gegründet hatten. Immer in ein Dorf sind die Schüler eines Jahrgangs aus vielen Dörfern gegangen. Dazu ist ein Bus gefahren und hat die Schüler in die einzelnen Schulen gebracht. Gleichzeitig wurde das Fach „Englisch“ für alle Jahrgänge eingeführt. So hatte ich also mit 11 Jahren und in der sechsten Volksschulklasse meinen ersten Englischunterricht. Im Buch war von den beiden Freunden Peter Pim und Billy Ball die Rede. Und schon bald am Anfang sprachen wir die ersten englischen Wörter. Die Lehrerin meinte, jeder sollte sich kurz auf Englisch vorstellen. „My name is ….., I come from …., I am ….(und bei diesen beiden Punkten sollte „thin“ oder „fat“ eingesetzt werden).

Ich saß ganz hinten auf der Bank neben einem Schulkollegen, der nicht aus Habelsee war und deshalb kannte ich ihn nicht. Eine/r nach dem/der anderen stellte sich vor. Und jede/r endete mit dem Satz: „I am thin“. Mein Banknachbar und ich waren nicht unbedingt so zu beschreiben. Ich wurde sehr nervös je näher die Antwort auf mich zukam. „I am fat“ endete mein Gesinnungsgenosse. Dann kam ich an die Reihe als Letzter in der Klasse. „My name is Gerhard. I come from Habelsee. I am fat“. Ich hatte es geschafft dazu zu stehen.

Bis heute spüre ich diese Krise von damals in mir, auch wenn diese nicht mit der Coronakrise zu vergleichen ist. Und bis heute habe ich mit meinem Körpergewicht zu kämpfen, auch wenn ich nicht mehr „fat“ bin. Allerdings müssten viele meiner Klassenkameraden von damals heute sagen: „I am fat“. Das tröstet mich zwar nicht, aber es beruhigt. Mein Endokrinologe hat mir vor zwei Jahren bestätigt, dass etwa die Hälfte meines Gewichts Muskeln sind und „nur“ knapp ein Viertel Fett. Der Rest sind Knochen und Organe. Aber das weiß ja keiner, der mich sieht. Und wenn ich beim Sport wie z.B. beim Nordic-Walking den Berg hoch muss, ist es egal ob das Muskeln oder Fett sind.

Aber ich kann jeden beruhigen, der mit seinem Körpergewicht auch Probleme hat. Letztlich hängt alles davon ab, ob und wie ich mich damit annehmen kann. Und das hat sehr viel mit der Bibel und mit meiner Selbstannahme zu tun. Deutlich wie sonst nirgends wird das im sog. Doppelgebot der Liebe, das Jesus aus dem Alten Testament zitiert. Davon gibt es im Neuen Testament einige Textstellen wie z. B. im Lukasevangelium 10, 27: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, leiben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“.

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