Wenn Corona will, steht (noch mehr) still, Update 250 vom 20.11.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Wer gewinnt?

Mit dem Anfang dieser Coronakrise begann auch der Wettlauf um einen Impfstoff. Ein Ziel war es, dass die einzelnen Länder zusammenarbeiten sollten um eine schnelle Lösung zu finden. Seitdem höre ich immer wieder mal Erfolge und Misserfolge in dieser Frage. Ganz abgesehen von den Menschen, die eine Impfung gegen Corona grundsätzlich skeptisch beurteilen. Für mich nicht überraschend ist, dass Russland einen Impfstoff erprobt, der „Sputnik V“ heißt. Denn das war immerhin der Name des ersten Satelliten, der in die Erdumlaufbahn gestartet ist. Dieses Ereignis war am 4. Oktober 1957. Es löste in der westlichen Welt große Besorgnis aus. Fast genauso überraschend war die Meldung vom 13. August dieses Jahres über das Testprogramm der aktuellen russischen Regierung. Wie 1957 wollen die dort Regierenden zeigen, dass sie die Nase vorn haben.

Jetzt gibt es sehr gute Nachrichten von der deutschen Firma Biontech. Offenbar kann tatsächlich Anfang 2021 mit einem Impfstoff gerechnet werden. Weil es eine deutsche Firma ist, gehen meine Gedanken sofort an die Zeitenwende um 1900 zurück, bei der viele deutsche Wissenschaftler den Nobelpreis für Chemie erhalten haben. Hinter allen stehen natürlich auch wirtschaftliche Interessen. Vermutlich werden dadurch auch wieder Abhängigkeiten geschaffen. Denn wer zuerst dran ist, der kann auch bestimmen. Ende letzter Woche kam die Meldung, dass die Firma Moderna einen Impfstoff entwickelt hat, der zu 94,5 % wirkt, der Impfstoff von Biontech dagegen nur zu 90 %. Jetzt kam am 18.11.2020 die Nachricht, dass der Impfstoff von Biontech zu 95 % wirken soll. Ich warte auf die Meldung von Moderna, dass ihr Impfstoff einen Wirkungsgrad von 96 % hat!! Sputnik 5 muss vermutlich bei 110 % eingeordnet werden, wenn es nach der aktuellen russischen Regierung geht.

Solch einen Wettlauf um den „ersten“ Platz erlebte ich von einer ganz anderen Motivation heraus in den 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in meinem Heimatort Habelsee. Der neue Grundschullehrer Dieter Weth war begeisterter Sportler und die Kinder im Dorf sollten davon profitieren. Er besorgte eine Tischtennisplatte und stellt diese in die Schule. Er schrieb einen Wettkampf aus. Jede/r hatte die gleichen Chancen, denn keiner konnte vorher dieser Sportart nachgehen. Schnell wurden Schläger für die Kinder und Erwachsenen gekauft. Neben dem Training wurde ein Dorftunier ausgeschrieben. Ich war dabei und war erstaunt, wie schnell ich diesen Sport erlernt habe. Im Bereich „männliche Kinder“ habe ich dann auch ohne Satzverlust gewonnen.

Stolz habe ich ein Taschenmesser als Siegespreis mein eigen nennen dürfen. Später bin ich zum örtlichen Sportverein gegangen und habe ein Jahr in der damaligen Kreisliga 1 gespielt. Und noch heute reizt es mich, gegen die Jugendlichen auf den Freizeiten zu spielen und (fast immer) zu gewinnen. Dieses Talent hat meinem Leben viel Selbstbewusstsein gebracht. Um ein „Taschenmesser“ geht es beim Wettlauf um einen Impfstoff gegen Corona natürlich nicht. Da geht es um Millionen und Milliarden Euro. Aber vielleicht gibt es eben doch bald einen einigermaßen sicheren Impfstoff in dieser Pandemie.

Wenn Corona will, steht (noch mehr) still, Update 249 vom 19.11.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Aus Brot entstehen Rosen

Manchmal müssen Menschen nicht sehr alt werden um berühmt zu sein oder gar im Heiligenkalender zu stehen. Manchmal ist solch eine Lebensgeschichte eine einzige Krisengeschichte und doch bleibt der Mensch in Erinnerung. So geht es auch mit der Frau, die 1207 als ungarische Königstochter geboren wurde. Sie war damit Zeitgenossin von Franz von Assisi. Und auch ihr Leben wirft einen Blick auf die damalige geistliche Situation im heutigen Europa.

Im Alter von vier Jahren kam sie an den thüringischen Hof auf die Wartburg. Mit 14 Jahren heiratete sie den sieben Jahr älteren Ludwig IV. Ihr Mann musste in den Kreuzzug ziehen und starb dort. Sie war da gerade 20 Jahre alt und hatte drei Kinder geboren. Sie war auf der Wartburg ohne Rückhalt und wurde vertrieben. Im Schutz ihres Beichtvaters Konrad von Marburg kam sie in diese Stadt. Ein Jahr später gründete sie dort ein Hospital, das als erstes nördlich der Alpen dem heiligen Franziskus geweiht wurde, der da gerade zwei Jahre tot war (siehe meine Updates 205 – 210). Sie starb schon drei Jahre später mit gerade mal 24 Jahren.

Und doch wird sie die „Mutter von Thüringen“ genannt. Vermutlich liegt ihr Einsatz und ihr christliches Engagement darin begründet, dass diese geistlichen Erneuerungsbewegungen im 13. Jahrhundert auch ihr Leben ganz stark bestimmt haben. Es waren vor allem Armutsbewegungen, die mit dem Besitzreichtum von Adeligen im Widerspruch lagen. Ich habe vom Herbst 1979 bis Sommer 1980 in Marburg studiert und bin fast jeden Tag an der Kirche vorbeigegangen, die ihren Namen trägt, die Elisabethenkirche. Ich hatte beim Vorbeigehen fast immer so ein besonders Hochgefühl für diese Frau, die sich gegen allen Widerständen ihrer Familie als eine besondere Persönlichkeit zeigte. Heute hat die Hl. Elisabeth von Thüringen ihren Heiligengedenktag, denn sie ist am 19.11.1231 in Marburg beerdigt worden.

Keine andere Geschichte bringt ihr Verhalten so klar zum Ausdruck wie das sog. Rosenwunder. „Als Elisabeth eines Tages in die Stadt (Eisenach) geht, um den Armen Brot zu geben, obwohl gerade dies ihr unter Strafe verboten ist, trifft sie die Mutter ihres Mannes, die ihre Barmherzigkeit nicht gutheißt und ihr eine Falle stellen will. Auf die Frage, was sie in dem Korb habe, den sie bei sich trägt, antwortet Elisabeth, es seien Rosen im Korb. Ihre Schwiegermutter bittet sie, das Tuch zu heben, um die wunderbaren Rosen sehen zu können. Widerwillig hebt Elisabeth das Tuch und im Korb sieht die Schwiegermutter nur Rosen“.

Das „verschwebende Sein“

Ein weiterer Abend in der Reihe „Bibel Input. Neugierig auf mehr“ beschäftigte sich mit der Geschichte von Elia im ersten Königsbuch im Alten Testament. Dort wird im 19. Kapitel das Leben dieses Propheten so eindringlich wie fast nirgends geschildert. Nach den Geschehnissen auf dem Berg Karmel flieht Elia in die Wüste. Isebel, die Frau von König Ahab will ihn umbringen, weil der Prophet für den Tod von 450 Baalspropheten verantwortlich war. Gleichzeitig bekannte sich das Volk Israel zum Gott Jahwe. 40 Tage und 40 Nächte geht Elia ohne zu essen und zu trinken. Am Berg Horeb (anderer Name: Sinai oder Gottesberg) sucht er Unterschlupf in einer Höhle. Dort will ihn Jahwe begegnen. Es kamen ein starker Wind, Erdbeben und Feuer. Aber Jahwe war darin nicht gegenwärtig. Dann kam ein „stilles, sanftes Sausen“ und Elia spürte darin, wie Gott jetzt ganz nah bei ihm war. Martin Luther hat diese Gegenwart Gottes sehr schön übersetzt. Wörtlich heißt es sogar, dass Gott in einer „hörbaren Stille“ war. Der große jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat das mit „verschwebenden Sein“ übersetzt. Das hebräische Wort ist kaum zu übersetzen. Aber inhaltlich bedeutet es, dass Gott nicht so sehr bei großen und lautstarken Treffen zu finden ist als vielmehr in der Stille und beim leisen Hören auf das biblische Wort.

Bei den Rückfragen nahm die Diskussion über die sog. Prädestinationslehre breiten Raum ein. Hintergrund war die Feststellung, dass auch Elia erst im Nachhinein die Gegenwart Gottes gespürt hat. Pfr. Gerhard Metzger verwies auf die Erfahrung von Mose aus dem zweiten Mosebuch 9, 16. Dort geht Jahwe an Mose vorüber, hält seine schützende Hand über ihn und Mose sieht im Nachhinein, wie Gott in seiner Nähe war. Der Apostel Paulus nimmt diese Geschichte im Römerbrief auf. „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. so liegt es nun nicht an jemandes wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen„. Dieses Wort zeigt, dass Gott beim Menschen immer der Handelnde ist, dass dieser zu ihm kommen und an ihn glauben kann. Letztlich können wir als Menschen das aber nie ganz begreifen!!

Ökumenischer Gottesdienst (Fest des Lebens) am Samstag, 21.11.2020 um 16.30 Uhr in der Katholischen Kirche

In den letzten Jahren hat es sich der Runde Tisch christlicher Gemeinden und Gemeinschaften zur Aufgabe gemacht, mit dem Feiert-Jesus-Fest und dem späteren „Fest des Lebens“ dem Totensonntag und der Trauer um unsere Verstorbenen, einen Leuchtpunkt für das Leben entgegen zu setzen.
Auch in diesem Jahr gibt es einen kleinen Gottesdienst, der sich etwas anders gestaltet. Er findet am Samstag, 21.11.2020 um 16.30 Uhr in der katholischen Kirche in Hersbruck statt. Eine Band wird den ökumenischen Gottesdienst unter dem Motto „Wir sind da!“ musikalisch und meditativ ausgestalten. Der Gottesdienst wird unter den bestehenden Hygieneregeln gefeiert.

Wenn Corona will, steht (noch mehr) still, Update 248 vom 18.11.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Der Buß- und Betttag!!!!

Er gehört zu einer meiner ersten lustigen Theologensprüche, die ich gehört habe. Er lautet: „Buß- und Bettag. Die Glocken läuten. Die Gemeinde erhebt sich – aus ihren Betten“. Zugegeben. Der Vergleich von „Beten“ und „Betten“ liegt nahe. Und es gab sicherlich viele Menschen, die aus dem Buß- und Bettag einen „Betttag“ gemacht haben.

In meiner Erinnerung als Kind und Jugendlicher hat sich eingenistet, dass dieser Feiertag ein evangelischer Feiertag war. Tatsächlich: Erst ab 1981 wurde er für alle in ganz Bayern gefeiert. Vorher war er nur in den Regionen ein gesetzlicher Feiertag, in der die Mehrheit der Menschen in Bayern evangelisch waren. Es verhielt sich also so wie bis heute mit dem Fest Maria Himmelfahrt am 15.08. für katholische Christen (siehe mein Update vom 15.08.2020). Deshalb war der Protest von evangelischer Seite bei Abschaffung dieses Feiertage sehr viel größer als von katholischer Seite. Die Meinung war: „Typisch. Die wollen uns einen evangelischen Feiertag wegnehmen. Da sieht man wieder einmal um die Macht der katholischen Kirche“. Tatsächlich war es so, dass zum Ausgleich für die Pflegeversicherung ab 1995 aus diesem Tag ein „geschützter“ Feiertag wurde. Arbeitnehmer können sich frei nehmen, wenn sie zu Gottesdiensten gehen. Und die Arbeitgeber wollten einen Tag nehmen, der jedes Jahr ein Arbeitstag war und nie auf das Wochenende gefallen ist. Weil keine Schule an diesem Tag ist, bieten seither die Kirchen Bibeltage für Kinder an. Das wird auch ganz gut angenommen und die Eltern können gut zu ihrer Arbeit gehen.

In meinem Heimatdorf Habelsee hatte der Buß- und Bettag eine herausragende Stellung. Denn in diesem tiefprotestantischen Teil unseres Bundeslandes wurde zweimal im Jahr Abendmahl gefeiert. Einmal während der Passionszeit und einmal am und um den Buß- und Bettag. Das hat auch mich geprägt. Und ich spüre das noch immer vor allem in unserer Filialgemeinde in Oberkrumbach. An diesem Tag sind abends um 20.00 Uhr sehr viel mehr Menschen im Gottesdienst als an einem „normalen“ Sonntag.

Inhaltlich ist dieser Tag sowieso wichtig ob als Feiertag oder ohne. Denn kaum ein anderer Tag bringt zum Ausdruck, was Martin Luther in seiner ersten der 95 Thesen sagt: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: „Tut Buße“ usw. (Matth. 4, 17) hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll“.

Wenn Corona will, steht (noch mehr) still, Update 247 vom 17.11.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit (der Artikel ist auch als Andacht in der Hersbrucker Zeitung am 14.11.2020 erschienen)

Leben zwischen Bestimmtheit und Gelassenheit

Es war im Mai dieses Jahres. Erst kurz vorher waren wieder Beerdigungsgottesdienste in der Kirche erlaubt. In Absprache mit den Angehörigen und nach den damaligen Hygienevorschriften wurde solch ein Gottesdienst in der Thomaskirche angesetzt. Ich stand vorher mit dem Stift in der Hand vor einem Bistrotisch. Ich musste und wollte die einzelnen Teilnehmer/-innen aufschreiben. Ich habe darauf hingewiesen, dass ein Nasen-Mund-Schutz getragen werden muss und dass die Hände desinfiziert werden müssen.

Ein Gottesdienstbesucher geht in die Kirche ohne sich an diese Vorschriften zu halten. Ich habe ihn angesprochen und ihn freundlich gebeten, bitte den Schutz anzuziehen. Nur so ist wieder ein Beerdigungsgottesdienst möglich. Er weigert sich zuerst. Es kommt zu einem heftigen Gedankenaustausch. Schließlich zieht er solch einen Schutz an und geht in die Kirche. Ich rufe ihn nach mit der Bitte, er soll noch einmal kommen und die Hände desinfizieren. Er kommt zurück und es gibt wieder einen Wortwechsel. Schließlich gibt er nach. Ich bin innerlich sehr aufgewühlt. Am Verhalten meines Gesprächspartners merke ich, dass er alles dabei hatte, aber vielleicht der Meinung war: „Der Pfarrer wird das wohl nicht so ernst nehmen“. Vielleicht wollte er mich auch nur testen nach dem Motto: „Mal schauen, ob der Pfarrer sich an die Vorschriften hält“. Das wäre der Versuch gewesen, ob ich authentisch bin.

Bis heute verfolgt mich diese Szene. Wenn Gottesdienstteilnehmer zu nahe sitzen oder bei Treffen außen mit anderen im Haufen stehen, dann schreite ich ein. Ich merke, dass ich kämpfen muss um eine ruhige, aber bestimmte Tonlage. Es ist mir nicht immer gelungen. Die Äußerungen der anderen zeigen mir das. Diese Erfahrung im Mai hat für mich offenbar etwas Traumatisches. Für mich heißt das, mich zu entschuldigen, wenn sich jemand zu scharf angegriffen fühlt. Es war nicht so gemeint!

Ich merke: Dieser Balanceakt von Bestimmtheit und Gelassenheit fällt mir schwer. Ich denke an ein biblisches Wort aus dem Neuen Testament, das im griechischen Urtext „Parakalein“ heißt. Auf Deutsch kann es mit „herbeirufen“ übersetzt werden. „Komm mal bitte her zu mir“. Das kann eine vertrauensvolle Bitte sein und/oder ein Wort des Trostes vorbereiten. Das kann aber auch ein Herbeiholen für eine Ermahnung sein.

Ich finde das spannend. Das Wort zeigt beide Seiten auf. Vor allem der Apostel Paulus benutzt es. Es wird manchmal mit „trösten“ übersetzt und manchmal mit „ermahnen“. Viele wählen „auferbauen“ als deutsche Übersetzung. Vielleicht trifft es am besten, was ich meine, wenn ich Leute mitten in dieser Coronazeit anspreche. Ich möchte Menschen helfen, dass Sie sich nicht anstecken. Ich will aber auch niemanden vergraulen. Mal schauen, ob es mir gelingt, in Zukunft näher in Richtung „Gelassenheit“ zu kommen, wenn ich wieder Menschen „herbeirufen“ und „ansprechen“ muss. Aber sie können mir auch in Zukunft gerne sagen, wenn ich den falschen Ton getroffen habe.

Wenn Corona will, steht (noch mehr) still, Update 246 vom 16.11.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Ein besonderes Lied in einer besonderen Situation

Heute ist der Tag nach dem Volkstrauertag. Wie immer hatte ich mehrere Diskussionen um diesen besonderen Tag. Den einen ist es ganz wichtig, diesen Tag als Gedenktag der Gefallenen und Getöteten in Erinnerung zu rufen. Andere stören sich daran, dass Soldaten in Uniform auftreten. In einer demokratischen Gesellschaft ist es ganz wichtig, beide Meinungen anzuhören und stehen zu lassen. Ich lege ganz viel Wert darauf, dass Menschen erkennen: Der andere versucht auf seine Art und Weise, Frieden in dieser Welt zu gewährleisten.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese verschiedene Meinungen und Vorstellungen in einem Update thematisiert habe. Zu meinem Update 244 vom 14.11.2020 hat mich eine Zuschrift erreicht, die ich hier unbedingt wiedergeben will. Der Schreiber wollte anonym bleiben und deshalb seine Zeilen ohne Namen, aber sie sind äußerst bedenkenswert. Und ich habe ihm in einem telefonischen Rückruf mit folgenden Worten geantwortet: „Ob dieses Lied heute auch in solch einer Situation gesungen werden würde?“ (Zur Information: Die Fahrt von Konrad Adenauer war im September 1955).

Hier die Worte des Gemeindemitgliedes

Sehr geehrter Herr Pfarrer,

beim Lesen des Textes zum Volkstrauertag am 14.11. kam bei mir wieder eine Erinnerung:

Im Jahr 1955 oder 1956 kamen durch Adenauers Gespräche in Russland die letzten Soldaten heim. Zu dieser Zeit war ich in der Handelsschule in Nürnberg, Nähe Bahnhof. Meine Freundin und ich  nutzten die Mittagspause und waren  oben auf der Galerie dabei als die Heimkehrer im Bahnhof empfangen wurden. Die Bahnhofshalle war voll  Menschen und mittendrin ausgemerkelte Männer, teils weinten sie ununterbrochen, teils waren sie starr. Sie hatten noch nicht realisiert, dass sie „daheim“ sind. Es gab einige Begrüßungsworte und dann wurde „Nun danket alle Gott“ gesungen. Die damals noch fast leere Halle war erfüllt mit dem Dankeslied.

Dies ging in „Direktleitung“ hinauf zum Empfänger. Wenn mir diese Momente wieder in Erinnerung kommen, dann überkommt mich immer wieder Gänsehaut“.

Viele Grüße

Wenn Corona will, steht (noch mehr) still, Update 245 vom 15.11.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Worte des Friedens finden

Es war für mich schon als Kind eine ganz ungewöhnliche Atmosphäre an diesem „Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr“. Bei uns in Habelsee-Mörlbach versammelte sich nach dem Gottesdienst eine beachtliche Zahl von Menschen am sog. Kriegerdenkmal, das direkt vor dem Kircheneingang gebaut wurde. Diese beachtliche Zuhörerschaft hatte vor allem zwei Gründe. Einmal sind damals eben auch mehr Leute in den Gottesdienst gegangen und damit auch zur Ansprache dageblieben. Zum anderen waren fast alle von den Wirren des zweiten Weltkrieges noch betroffen. Das galt auch für meine eigene Familie. Mein Opa ist mit 44 Jahren im März 1945 im Volkssturm in Frankfurt/Oder umgekommen.

So standen viele am Kriegerdenkmal und lauschten den Worten des Bürgermeisters. An die Worte in Mörlbach kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber alle zwei Jahre fand der Gottesdienst in meiner Heimatgemeinde Habelsee statt. Die Rede des damaligen Bürgermeisters hatte einen militärischen Ton. Er war selbst Soldat gewesen und hat eine „Heldengedenkrede“ gehalten. Er hat den Einsatz der Soldaten im zweiten Weltkrieg für das angeblich freiheitliche Hitlerdeutschland gelobt. Es fiel kein Wort davon, dass immerhin dieses Heimatland Hitler aufkommen hat lassen und der Auslöser des Krieges der Überfall auf Polen am 1. September 1939 war. Es gab kein Wort der Demut oder der Entschuldigung. Es gab auch kein Wort für Versöhnung und Frieden. Er sprach davon, dass auch in Zukunft dieses Deutschland geschützt werden müsse von ausländischen Mächten usw.

So richtig habe ich das als Kind nicht begriffen. Vielleicht war das auch an anderen Orten so. Und das ist vermutlich der Grund, warum Menschen bis heute so ein komisches Gefühl in der „Bauchgegend“ haben, wenn sie an diesen Tag denken. In Altensittenbach kommt hinzu, dass die Erinnerung und die Ansprache nicht direkt an der Kirche gehalten werden, sondern ein Weg von ca. 500 m gegangen werden muss. Manchen ist das auch zu weit. Leider!! Sie wären über die Worte unserer beiden Bürgermeister (sie sprechen im jährlichen Wechsel) positiv überrascht. Inhaltlich wird die Sehnsucht nach Frieden betont. Ich spüre aus den Worten der beiden heraus, wie sie darum ringen, diese Botschaft anzubringen, im Wissen, dass Weltfriede wohl niemals sein wird. Mein Zitat lautet dazu: „Einen Schurken gibt es immer irgendwo auf der Welt“. In mir ist die Hoffnung, dass alle Mühen zum Frieden wenigstens schon im eigenen Herzen beginnen. Und dazu ist der Volkstrauertag eine sehr gute Gelegenheit. Der Wochenspruch lautet: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“ (2. Korinther 5, 10a)

Wenn Corona will, steht (noch mehr) still, Update 244 vom 14.11.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Vom Heldengedenktag zum Volkstrauertag

Morgen wird in ganz Deutschland der sog. Volkstrauertag begangen. Im Kirchenjahr ist das der „Vorletzte Sonntag im Kirchenjahr“. Aber bei wem ist dieser Tag mit dem kirchlichen Namen in Erinnerung? Die meisten kennen ihn vermutlich mit dem „weltlichen“ Namen. Ich kenne viele Leute, die an diesem Tag nicht in die Kirche gehen. In der Regel gibt es in Nicht-Coronazeiten Abordnungen von Soldaten- und /oder Veteranenvereinen. Dann sehe ich noch Abordnungen von der Reservistenkamerdaschaft und von der Feuerwehr. In der Regel sind Fahnen an angebrachten Haken aufgereiht.

Persönlich finde ich es schade, dass Menschen aus diesen Gründen dann nicht zum Gottesdienst kommen. Aber ich habe auf der anderen Seite dafür auch Verständnis. Dieser Volkstrauertag hat eine schlimme Vergangenheit. 1922 fand die erste Gedenkstunde im damaligen Reichstag statt. Er sollte an die Kriegsopfer und Opfer von Gewaltherrschaft aller Nationen erinnern. Mit den großen Kirchen wurde vereinbart, diesen Gedenktag am Sonntag Reminiscere (zweiter Sonntag in der Passionszeit) abzuhalten. Aber schon in der Weimarer Republik (1918 – 1933) gab es republikfeindliche Reden, die diesen Gedenktag fragwürdig machten. Nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 2. August 1934 legten die Nationalsozialisten den Volkstrauertag als staatlichen Feiertag fest. Er bekam gleichzeitig eine andere Zielsetzung durch eine Namensänderung. Er wurde in „Heldengedenktag“ umbenannt und sein Charakter veränderte sich vollständig. Jetzt ging es nicht mehr um Totengedenken, sondern um Heldenverehrung. Selbst kriegsvorbereitende Schritte wurden um diesen Tag herum gelegt wie z.B. der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich.

Kein Wunder, dass es schon unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg heftige Diskussionen um diesen Tag gab. Allmählich bildete sich aber das Thema „Gedenken an Kriegstote und Vermisste“ heraus. Weil die Zeit im November viel durch die Themen Tod, Zeit und Ewigkeit dominiert wird, wurde der Vorschlag gemacht, diesen Gedenktag am Ende des Kirchenjahres zu setzen. Weil keine direkten inhaltlichen Vorgaben gemacht wurden, wurde dieser Tag je nach Zeitgeschehen inhaltlich angepasst. Und das finde ich gut. So ist er herausgekommen aus der „Kriegsecke“ und ich empfinde ihn mehr und mehr als einen Gedenktag für den Frieden in der Welt. Der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge gibt jedes Jahr ein Heft dazu heraus, in dem auch Vorschläge für den Gottesdienst gemacht werden. Ich selbst bin seit meiner Kindheit an diesem Tag bei mindestens einer Rede am Kriegerdenkmahl dabei. Aber davon dann morgen mehr.

Wenn Corona will, steht (noch mehr) still, Update 243 vom 13.11.2020

Tägliche Gedanken in einer schwierigen Zeit, heute von Jugendreferent Viktor Ambrusits (diesen Text hat er Ende Juli geschrieben. Es ist sehr interessant, den Text von damals mit der gegenwärtigen Situation zu vergleichen)

Jugendarbeit in Zeiten von Corona

Gottesdienstverbot! Verbot von Gebetstreffen und Hauskreisen! Christliche Jugendgruppen dürfen sich nicht treffen! Osterwache und Osternacht dürfen nicht in Gemeinschaft gefeiert werden. Was sich wie Berichte aus Nordkorea oder China anhören, waren Schlagzeilen in Deutschland, im März 2020! Niemand hätte vor paar Wochen gedacht, dass bei uns sowas möglich wäre….
Aber nein, natürlich ist es keine Christenverfolgung oder willkürliche Beschränkung von Freiheiten von Gläubigen, wie manche Verschwörungsgläubige, sog. „Aluhüte“ es verbreiten wollen. Seit März wird unser Leben mehr oder weniger von Covid19 a.k.a. Corona bestimmt.


Als wir noch am 13. März (und da soll noch einer sagen, dass ein Freitag der 13. kein Unglückstag sei… 😜 ) darüber diskutiert haben, ob wir Vitamin C, oder ALBA Gottesdienste feiern können, oder absagen wollen, war mir noch nicht bewusst, dass ich mehrere Wochen lang nicht viel zu tun haben werde.
Mir persönlich ging es am Anfang ziemlich mies. Eine Art Hoffnungs – und Perspektivlosigkeit machte sich breit. Nach und nach wurden geplante Freizeiten, so wie an andere Aktionen abgesagt. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich langsam an die neue Situation gewöhnt habe.


Das erste mal während der vierzehn Jahre, die ich in Altensittenbach arbeite, hat es mich wirklich gestört, nicht vor Ort, sondern in Erlangen zu wohnen. Die „zufälligen“ Begegnungen haben mir gefehlt. Ich habe versucht, online die Kontakte in den Gruppen aufrecht zu halten, mehrmals „Werwolf“ als WhatsApp Version zu organisieren. Ab und zu bin ich zum Spazieren gehen nach Hersbruck gefahren und in dem Ort rumgelaufen und um so manchmal jemand treffen zu können.
Natürlich war ich dann froh, als die Regelungen ab Pfingsten langsam gelockert wurden. Ich war beim ersten Gottesdienst nach dem „lockdown“ in der Thomaskirche dabei. Es war schon befremdlich, in Abstand mit MUNS (Mund und Nasenschutz) in der Kirche zu sitzen, ohne zu singen, oder sich gegenseitig die Hand geben zu können. Ich kann jeden verstehen, der so einen Gottesdienst nicht besuchen möchte.


Mittlerweile wurde noch mehr gelockert. Man darf den Mundschutz abnehmen, es dürfen mehr Menschen in die Kirche, So haben wir auch schon einen Vitamin C durchgeführt, der auch relativ gut besucht wurde. Meine Angst, dass die Jugendlichen nicht mehr zu den Gruppen kommen würden, hat sich auch nicht bestätigt. Ich war wirklich glücklich, dass zu unseren ersten IA-Treffen fast alle wieder gekommen sind. Wir haben auch die „Biberbande“ wieder aktiviert. Unsere Jugendband hat auch angefangen zu proben und hat auch schon den ein oder anderen Gottesdienst musikalisch mitgestaltet.

Wird es jetzt alles wieder normal?
Ich weiß es nicht. Kein Mensch weiß es.
Ich höre und lese viel über die Pandemie. Prof. Drosten und Prof. Kekulé kenne ich (gefühlt) persönlich. Ich gebe zu, manchmal ist es mir viel zu viel Information. Ich bin mit meinen Gefühlen immer noch hin und her gerissen. Man neigt dazu die Nachrichten zur glauben, die positiv sind und Hoffnung wecken.

  • Impfstoff wird es schon im Oktober geben!
  • Der Virus ist doch nicht so schlimm und es ist bald vorbei!
  • Die Ansteckungen gehen mittlerweile doch zurück!
    Tja, leider sind die gute Nachrichten nicht immer die Wahrheiten. So bleibt es abzuwarten und zu hoffen. Wir können nicht wissen, wie es im September weitergeht. Wird es einen Weihnachtsgottesdienst mit Musical geben? Wie werden die Aktionen und Freizeiten nächstes Jahr aussehen?

    Eins ist aber sicher:
    Gottes Gemeinde in Altensittenbach hat schon viele Krisen in den vergangenen Jahrhunderten überlebt. Und erfahrungsgemäß ging sie gestärkt raus!
    Meine Hoffnung ist, dass die Sehsucht nach Gemeinschaft, Gottesdienst mit dem gemeinsamen Singen so stark ist, dass nach Covid19 die Angebote der Kirche mehr gefragt werden.
    Tja…
    Ich denke, dass ich in meinem nächsten Bericht mehr über positive Entwicklungen in der Kinder und Jugendarbeit in Altensittenbach schreiben kann.
    Vielen Dank für die finanzielle und geistliche Unterstützung meiner Arbeit in dieser besonderen Zeit!

Anmerkung der Gemeinde: Unser Jugendreferent Viktor Ambrousits wird aus Spenden finanziert. Dazu haben wir einen Förderkreis gebildet. Wer sich darüber informieren mag oder gar selbst spenden – wir würden uns freuen. Informationen hier: