Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 184 vom 15.09.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Jägerball

Bitte denkt daran, heute Nachmittag ist Spielstunde“. Unser Grundschullehrer, Dieter Weth, hätte mich daran nicht immer erinnern müssen. Alle zwei Wochen an einem Dienstag wie heute trafen wir uns mit ihm auf dem Sportplatz zu diesem besonderen Sportunterricht. Erst bei einem Treffen 1998 habe ich von ihm erfahren, dass die Gestaltung, Beschreibung und Auswertung dieses Sportunterrichtes zu seiner Prüfung zum zweiten Examen gehörte.

Ich weiß noch ganz genau, dass das Treffen immer mit einem bestimmten Ritual angefangen hat: dem Jägerball. Ich kannte das vorher nicht. Als Lehrer nahm er einen Ball, nahm die Position als Jäger ein und schickte alle Kinder auf das Feld. Er versuchte ein Kind zu treffen. Dieses angeschossene Kind kam dann ebenfalls zu den Jägern. Im Laufe des Spieles gab es also immer mehr Jäger und immer weniger Gejagte. Die Kunst war, dass die Jäger sich den Ball zugespielt haben und so schneller die Gejagten mit dem Ball getroffen haben. Am Schluss blieb noch ein Kind übrig. Dieses durfte dann als Jäger das neue Spiel eröffnen. Es war eine Ehre, zuletzt als Einziger übrig zu bleiben.

Was mir damals als Kind aber schon aufgefallen war? Wenn nur noch so etwa 5 Kinder als Gejagte übrig geblieben sind, haben die Jäger in der Regel vereinbart, wem sie übrig lassen wollen. In der Regel blieb dann ein Kind übrig, das sonst nicht so auffällig war oder im Sport nicht Talente hatte. Die Jäger suchten also eine Art „soziale“ Komponente für ihre Auswahl. Weil ich relativ gut im Fußball und auch sonst im Sport war, konnte ich nie als „Übriggebliebener“ glänzen. „Jetzt schießen wir den Gerhard ab“. Irgendwann gab es diesen Ruf und das war für mich o.k.

Heute wäre es interessant für mich, ob dieses „Jägerball“ solche Gedanken eher zufällig in Habelsee hervorgebracht hat oder ob diese „soziale“ Komponente Absicht war. Immerhin ein Gedanke, der gerade in der Coronakrise verstärkt bedacht werden muss. Denn offenbar leiden die „Ärmeren“ in einer Gesellschaft jetzt mehr als die anderen.

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