Wenn Corona will, steht (noch) manches still, Update 204 vom 05.10.2020

Tägliche Gedanken in einer schwierigen Zeit, heute von Monika Dorn

…Du stellst meine Füße auf weiten Raum…(Ps 31)

Heute ist der 05. Oktober 2020! Ich schließe meine Augen und schaue zurück auf mein bereits vergangenes Leben. Ich kann die Wege sehen, auf denen ich bis zu diesem Moment, hier und heute, gekommen bin.

Ich sehe mich, als kleines Mädchen. Den Bauernhof, auf dem ich aufgewachsen bin. Die Eltern, die Großeltern, die Verwandten. Das vorherrschende Gefühl ist Angst. Und es ist kalt in diesem alten Bauernhaus. Es wird nur in der Küche geheizt. Die Kälte ist nicht nur äußerlich. Das Leben dreht sich um die Arbeit auf dem Hof, die getan werden muss. Es ist Samstag: Das Haus duftet nach Oma´s Hefeknödel. Ich liebe es, gleich nach dem Backen hineinzubeißen. Es ist frisch und heiß. Es schmeckt himmlisch. > Und Gott? Gott ist in der Kirche. Jeden Sonntag früh – stundenlanges still sitzen. Der Pfarrer redet. Ich verstehe nichts und träume mich weg. Gott will, dass wir auch zu Hause beten, sagt Oma. Sonntag Mittag! Im Stehen! Ein seehr langes Tischgebet und das „Gegrüßet seist du Maria“ auch noch danach. Ich hab Hunger und will nicht mehr stehen.

Ich sehe mich als Teenager. Immer in Bewegung. Gebeutelt von inneren und äußeren Kämpfen. Frustriert, ohne Chance mit jemanden darüber reden zu können. Die Enge wird bewußter. Pflicht – ohne Freude. Ich trete meine Ausbildung an. Nürnberg – Großstadt! Andere Welt! Neue Themen! Neue Freunde! Lernen! Spaß! Neuer Raum! Neue Weite! Jeder Tag ein Abenteuer! Das Leben hier macht Spaß! > Und Gott? Ich tue meine Pflicht! Jeden Sonntag morgen. Die Liturgie kenne ich auswendig. Die Predigten betreffen mich nicht. Ich registriere die Diskrepanz zwischen dem, was im Gottesdienst gesprochen wird und dem Tun und Reden im Alltag. Das, was im Alltag passiert, passt nicht zu den Worten in der Kirche.

Ich sehe meine Wege zwischen 20 und 30. Der Vater und die Großeltern sterben. Die Mutter arbeitet eisern auf dem Bauernhof weiter. Willensstark und diszipliniert. Halten, was da ist. Ich arbeite mit, abends und später am Wochenende. Ich heirate. Wir ziehen nach Hersbruck. Ich lebe mein erträumtes Stadtleben. Wir feiern ausgelassen. Unsere Wohnung, unsere Freiheit, unser Leben. Ich liebe meinen Beruf. Die Arbeit bringt mir Anerkennung und Selbstbewusstsein. > Und Gott? Jahrelang sehe ich keine katholische Kirche mehr von innen. Wüßte nicht, warum ich eine betreten sollte. Ich lerne Posaune im evangelischen Posaunenchor. Fühle mich wohl in dieser Gruppe! Eingebunden. Es herrscht keinerlei Zwang und macht Spaß. An den Festtagen, sitze ich in evangelischen Gottesdiensten und höre Predigten, die auch mein Leben betreffen. Ich bin fasziniert und neugierig. Zu hören, dass Gott ein „Beziehungs-Gott“ sein soll, ist mir neu. Da scheint es eine Rolle zu spielen, was ich denke und fühle und wie es mir geht? Gott interessiert das?

Ich sehe meine Wege zwischen 30 und 40. Ich lebe mein eigenes Leben! Bekomme drei Kinder! Wir ziehen zweimal um! ich kümmere mich hauptsächlich um Kinder und Haushalt. Ich lege einen Gemüsegarten an, wie meine Mutter. Die Kinder sind unser Mittelpunkt. Viele Jahre trösten wir nächtlich schreiende Babys, kleben Pflaster auf Wunden, sorgen uns, wenn sie krank sind, spielen mit ihnen, leiten sie an, bringen sie in den Kindergarten und in die Schule. Das Leben wird gelenkt von den Belangen der Kinder. Freunde haben eine zentrale Rolle. Ich gehe wieder arbeiten. Eine willkommene Abwechslung. > Und Gott? Nach dem ersten Umzug, klingelte es eines Tages mitten am Tag. Es war ein Mitarbeiter der evangelischen Gemeinde, in deren Einzugsgebiet wir gezogen waren. Er hieß uns im Namen der Gemeinde willkommen. Ich war total perplex, dass da registriert wurde, dass es uns jetzt hier gibt. Gesehen zu werden, ohne, dass ich etwas dazu tun musste. Das war mir noch nie passiert, bis dahin.
Vielleicht hat mich das dazu bewegt mit den Kindern in den Kindergottesdienst zu gehen. Ich blieb einfach mit dabei in diesen Gottesdiensten. Ich wollte selber sehen, was hier gemacht wurde. Die Kindergottesdienste unterschieden sich grundlegend von dem, was ich in meiner Kindheit erlebt hatte. Die Kinder sangen geistliche Kinderlieder, hörten biblische Geschichten, spielten, malten, bastelten und vor allem durften sie sich bewegen. Ich sah, hörte und sang einfach mit. Ich komme ins Gespräch mit den Kindergottesdienst-Mitarbeitern. Ich staune über deren Lebens- und Sichtweise auf Gott und Jesus, deren lebendigen Glauben an den dreieinigen Gott, der ihre Lebens-Grundlage ist. Mein Herz geht auf und ich spüre vielleicht zum erstem Mal in meinem Leben, so etwas wie Gottes Nähe. Ich will mehr davon erfahren und schließe mich einem Gebetskreis und dann einem Hauskreis an.

Ich sehe meinen Weg zwischen 40 und 50. Mein Leben ist getaktet zwischen Familie und Arbeit. Zunehmend spüre ich die Auswirkungen von körperlicher und seelischer Überbelastung. Die Zeiten im Gebets- und Hauskreis tun mir gut. Hier erlebe ich Annahme und Respekt, egal wie ich grade da sein kann. Ganz real erfahre ich Zugewandtheit und Liebe.Ich spüre meinen Hunger, mehr von diesem liebenden, gnadenvollen Gott erfahren zu wollen. Ich spüre aber auch deutlich meine emotionalen Begrenzungen. Wer ist dieser Gott? Und wie passt der liebende, gnadenvolle Gott, von dem hier gesprochen wird, mit dem Gott meiner Kindheit zusammen? Was „erwartet“ Gott von mir? Bin ich hier wieder in der „Pflicht“? Welches Gottesbild hat sich in mir manifestiert? Im Laufe der Jahre „sortiere“ ich mein Innen- und Außenleben. In unendlich vielen Gesprächen mit meinem Mann, Freunden, Seelsorgern, Therapeuten, „arbeite“ ich mich durch viele sehr schmerzhafte Themen. Ich beginne zu schreiben, um all das, was da in mir „losgetreten“ wird, besser sortieren zu können. Gott findet Wege und einen Zugang in meine Seele. Ich erlebe viele „Überraschungen“. ER weiß, was ich am Allerdringendsten brauche und gibt es mir. In den schwersten und schmerzhaftesten Zeiten, dann wenn ich selber keinen Weg mehr sehe, begegnet mir Gott intensiv. Ich überlasse mich ganz SEINEM Wirken und lege mein Leben in SEINE Hände.

Heute ist der 5. Oktober 2020, mein Geburtstag! Und ich erkenne: Gott handelt! Aber ER handelt nicht ohne unser Einverständnis und nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Wir sind es an vielen Punkten in unserem Leben so sehr gewohnt selbst die Führung zu übernehmen, dass wir oft nicht auf die Idee kommen Gott überhaupt mit einzubeziehen in unser Leben. Gott führt! An den Weggabelungen des Lebens. Da, wo wir uns ganz oft überfordert fühlen. Da wo wir selbst nicht mehr weiter wissen, da wo wir uns verlassen fühlen, nimmt ER uns an die Hand und überwindet mit uns, unsere eigenen Hürden. Gott verändert! Wenn wir es wollen, zulassen und vertrauen. Gott tut Wunder! Manchmal können wir sie sehen. Aber zu den meisten Zeiten, nehmen wir sie nicht wahr. Sie geschehen unmerklich und ob es uns bewusst ist oder nicht. Wenn wir uns dann die Zeit nehmen und zurückschauen, sehen wir manchmal Gottes wunderbares Wirken in unserem Leben.

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