Archiv des Autors: Pfr. Gerhard Metzger

Wenn Corona will, steht (wieder überall) fast alles still, Update 288 vom 28.12.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Verfolgt von Anfang an

Diese Geschichte ist wirklich eigenartig und kaum mit dem Verstand nachzuvollziehen. Wie oft hatte ich mit Menschen darüber auch schon diskutiert. Es ist die Erzählung, die nur im Matthäusevangelium steht: „Die Flucht nach Ägypten“ und „Der Kindermord des Herodes“. Mit dem Verstand ist das auch nicht zu begreifen, dass andere Kinder sterben müssen, nur damit Jesus gerettet wird. Ich kann natürlich viele Argumente bringen, um diesen sog. „Kindermord in Bethlehem“ zu verteidigen wie z.B. „Nur so konnte Jesus seinen Auftrag erfüllen“. Aber ganz ehrlich: Wirklich überzeugend klingt das dann nicht, eher rechtfertigend.

Wichtiger ist es wohl, auf den Textzusammenhang zu schauen. In der Fachsprache wird das „Kontext“ genannt. Und da sehe ich vor allem bei Matthäus, wie oft er Bibelstellen aus dem Alten Testament zitiert. Er will damit aufzeigen, dass das Geschehen um die Geburt von Jesus Erfüllung von vielen alttestamentlichen Weissagungen ist. Er will einen Bogen setzen von der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel zur Geschichte mit Jesus und seinem Leben und Wirken. Er will damit zeigen: Dieser Jesus kommt von Gott und wer an ihn glaubt, der hat das ewige Leben.

Und zum Leben von Jesus selbst gehört von Anfang an auch Verfolgung und leiden dazu. Selbst nach der Geburt wird das schon sichtbar. Das Leben von Jesus ist in Gefahr. Sein Leiden, Sterben und neues Leben gilt vom ersten Tag seiner Geburt. Deshalb gehört zu seinem Auftrag auch die Geschichte vom „Kindermord des Herodes“ dazu, auch wenn es gut überlegt sein sollte, ob und wann ich das Kindern erzählen kann. „In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen“ (Matthäus 2, 18 und 1. Mose 35, 19).

Leider weiß es kaum einer, dass der heutige 28.12. auch liturgisch als „Tag der unschuldigen Kinder“ benannt ist mit eigenen liturgischen Texten und Liedern. Die Kirche hat also von Anfang an die Schwierigkeiten mit diesem Text gesehen und den Kindern von Bethlehem in einer besonderen Art und Weise gedacht. Und grundsätzlich gilt, dass Herodes ein gerissener, aber schlauer König war. Aber davon morgen mehr.

Hanna Hümmer von der Christusbruderschaft Selbitz schreibt: „Göttliches Kind, du bist Mensch geworden, nichts ist dir fremd, nichts ist dir verborgen. Deine Liebe ist größer als alles Elend dieser Welt. Du wirkst hinein in das ärmste Dasein eines Kindes irgendwo in dieser Welt. Du trägst und birgst alle Kinder dieser Erde“.

Wenn Corona will, steht (wieder überall) fast alles still, Update 287 vom 27.12.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Der Jünger, den Jesus lieb hatte

Für Martin Luther war das Johannesevangelium das wichtigste überhaupt. Er liebte es darin zu lesen, zu lehren und zu predigen. Das hat einen einfachen Grund. Das Johannesevangelium ist nicht „historisch“ und „chronologisch“ angeordnet. Es geht nicht direkt von der Geburt von Jesus zu Kreuz und Auferstehung. Eine Geburtsgeschichte im üblichen Sinn wird nicht erzählt. Es beginnt sofort mit einer Verkündigung dessen, was Gott in Jesus in die Welt gebracht hat. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns (Jo 1, 14). Es geht sofort darum, wer Jesus für mich und für die gesamte Welt ist. Er ist der fleischgewordene Gottessohn. Wörtlich heißt es: „Er zeltete unter uns“. Damit wird deutlich, dass Jesus hier auf dieser Erde immer unterwegs war. Er hat keine „bleibende Stätte, wo er sein Haupt niederlegen“ kann (Lukas 9, 58b).

Jesus ist unterwegs zu und mit den Menschen. Der Autor dieser neutestamentlichen Schrift wird nicht mit Namen genannt. Aber er steht in einer besonderen Verbindung zu seinem „Rabbi“. Er ist der sog. „Lieblingsjünger“. So wird er z.B. im cap. 21, 20 bezeichnet: „Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus liebhatte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen hatte…“. Dieser Vers spielt darauf an, dass in Johannes 13, 23 und 25 steht: „Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus liebhatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu…Da lehnte er sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?“

Dieser Jünger wird mit Johannes identifiziert. In keinem anderen Evangelium und in den drei Johannesbriefen wird die Liebe Gottes so stark thematisiert. Manche fragen: Hat Jesus nur diesen Jünger lieb und die anderen nicht? Ich denke, dass das so nicht gesagt werden kann. Es ist umgekehrt: Kein anderer Jünger hat diese einzigartige Liebe Gottes durch Jesus so begreifen und annehmen können. Er legt sich an die Brust von Jesus wie ein kleines Kind. In allen Zeichnungen und Gemälden wird diese kleine Episode so gemalt, dass Johannes seinen Kopf an die Brust von Jesus anlehnt. Besser als vom „Lieblingsjünger“ zu reden wäre vielleicht vom Jünger zu sprechen, der wie kein anderer „die Liebe Jesu erwidert hat“. Und ehrlich? Ich frage mich oft genug, ob ich dazu in der Lage bin!

Heute am 27.12. ist der Gedenktag des Apostels Johannes. Es ist ein Tag, sich über die Liebe dieses Jüngers zu Jesus besonders Gedanken machen zu können. „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden“ (1. Johannesbrief 4, 9 – 10).

Wenn Corona will, steht (fast überall) wieder alles still, Update 286 vom 26.12.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Der Stein des Anstoßes

Herr Metzger, ich habe einen Zahn verloren“. Das hat eine Schülerin Monate später zu mir gesagt. Sie war da schon gar nicht mehr in der Grundschule in Altensittenbach. Was war geschehen? Ich hatte in der vierten Klasse die Geschichte von Stephanus erzählt und besprochen. Es lässt sich dann nicht verhindern, dass auch das Ende des ersten Märtyrers genannt und gelesen wurde. In der Regel sind die Schüler/-innen sehr aufmerksam. Vermutlich hatten sie diese Geschichte noch nie gehört.

Wir haben uns ausführlich in die Gedanken und in die Gefühle von Stephanus hinein versetzt. In diesen Unterrichtsstunden kommen wir dann auch auf Verfolgung von Christen in heutiger Zeit zu sprechen. Etwa 200 Millionen Christen sind davon weltweit betroffen. Ihr einziges Vergehen ist, dass sie an Jesus als Christus glauben. Der jährliche Weltverfolgungsindex von „Open Doors“ zeigt das überdeutlich.

Die Schüler/-innen waren so beeindruckt, dass sie in der Pause die Steinigung des Stephanus nachgespielt haben. Ich habe das nicht bemerkt und weiß bis heute nicht, wie sie das genau gemacht haben. Sie haben mir im Nachhinein nur erzählt, dass eine Mitschülerin den Stephanus gespielt hat und mit Steinen beworfen wurde. Offenbar hat ein Stein ihren Mund getroffen und ein Zahn wurde so verletzt, dass er gezogen worden ist. Mittlerweile sind diese Schüler/-innen schon von mir konfirmiert worden. Und mehrmals sind wir auf diese Begebenheit zu sprechen gekommen. Immerhin bin ich wirklich dankbar, dass die Eltern dieses Mädchen sich nicht bei mir beschwert haben. Ich konnte ja nichts dafür und ich hatte auch keine Pausenaufsicht. Ich bin aber froh, dass die „Steinigung des Stephanus“ auf dem Pausenhof in Altensittenbach nicht noch mehr Schaden angerichtet hat.

Aber heute am 26.12., am Gedenktag des Stephanus, fallen mir diese Gedanken natürlich ein. Und ich denke auch daran, wie es möglich war, dass Stephanus damals diese Kraft aufbringen konnte, so stark und fest an Jesus zu glauben: Es war die Kraft des Heiligen Geistes. Stephanus hat einen Blick in die unsichtbare Welt machen können und konnte handeln wie Jesus. Das erkenne ich an den folgenden Worten: „…und sie steinigten Stephanus, der reif den Herrn an und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Er fiel auf die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apostelgeschichte 7, 59 – 60).

Wenn Corona will, steht (wieder überall) fast alles still, Update 285 vom 25.12.2020

Tägliche Gedanken in einer schwierigen zeit von Pfr. Gerhard Metzger

Zwei Söhne sind uns gegeben

Das muss wirklich sehr eindrücklich für den Pfarrer gewesen sein. Zwei von seinen Kindern sind am Heiligen Abend geboren. Er hat es dennoch immer wieder geschafft, an den verschiedenen Gottesdiensten in der Gemeinde zu sein. Es spielte sich allerdings auch im vergangenen Jahrhundert ab. Ich habe das schon vor vielen Wochen geschrieben, dass damals die Männer bei den Geburten zumindest in Mittelfranken nicht dabei sein durften. Jedenfalls sind diesem Pfarrer eben zwei Söhne an verschiedenen Weihnachtstagen geboren. In der Kirchengemeinde wurden noch die sog. „Alten Introiten“ gesungen. Der Introitus ist der Psalm, der in der sonntäglichen Liturgie als Wechselgesang am Anfang eines lutherischen Gottesdienstes eine große Rolle spielt. Im Weihnachtsintroitus hieß es damals. „Uns ist ein Kind geboren“. Das wurde vom Pfarrer gesungen. Die Gemeinde antwortete mit: „Ein Sohn ist uns gegeben“. In der Erzählung wird überliefert, dass nicht nur die Gemeindemitglieder in diesen Festtagen auch äußerlich geschmunzelt haben.

Für den Pfarrer ist das also zweimal Realität geworden, dass ihm am Hl. Abend Söhne geboren worden sind. Es ist auch kaum zu verstehen, was am Hl. Abend gefeiert wird. Dieser Gott kommt herab und wird Mensch. Er wird wie Du und Ich. Besonders im Johannesevangelium wird das eindrücklich dargestellt. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ (Johannes 1, 14). In den Übersetzungen der 70-er Jahre wurde aus „Fleisch“ der Begriff „Mensch“ gemacht. Anscheinend war die ursprüngliche und vom Urtext auch gestützte Übersetzung „Fleisch“ für viele nicht nachzuvollziehen. Die neue Lutherübersetzung von 2017 ist bei der Übersetzung „Fleisch“ geblieben. Das finde ich gut. Es drückt aus, wie radikal Gott gewesen ist, dass er seinen Sohn auf diese Welt gesandt hat. Dann wird umso stärker dieses Paradoxon sichtbar: Gott kommt herab auf die Welt und begibt sich in die Leiderfahrungen der Menschen.

Für Jesus hat das auch bedeutet: Er stirbt am Kreuz. „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Johannes 1, 14).

Hanna Hümmer von der Christusbruderschaft Selbitz schreibt. „Du Kind in der Krippe, wie leere Krippen sind die Herzen der Menschen vor dir, arm und einsam. Du siehst sie alle. Du kommst in unsere Welt und willst da wohnen, wo die Einsamkeit am größten ist und die Armut zum Himmel schreit“.

Wenn Corona will, steht (wieder überall) fast alles still, Update 284 vom 24.12.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Es soll nicht nur im Hintern, sondern auch im Herzen warm werden

Heute feiern Christen den Heiligen Abend. Viele Menschen verbinden damit „Weihnachten“. Streng genommen ist das falsch. Weihnachten – das Christfest ist am 25.12. Aber weil schon in der Alten Kirche Gottesdienste am Vorabend gefeiert wurden, rückte langsam aber sich der Tag vorher in den Mittelpunkt. Die Christmetten finden in der Dunkelheit kurz vor Mitternacht statt und haben sich seit etwa 50 Jahren auch in den evangelischen Gemeinden eingebürgert. Umso trauriger ist es, dass ausgerechnet sie in diesem Jahr ausfallen müssen.

Was war mein eindrücklichstes Erlebnisse an einem Heiligen Abend? Wer jetzt einen Bericht über besondere geistliche Geschehen erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Es war etwas ganz Weltliches. Am 24.12.1984 feierte ich zum ersten Mal als Pfarrer die Weihnachtsgottesdienste in drei Kirchengemeinden hintereinander um 16.00, 17.00 und 18.00 Uhr. Als ich in die Kirche in Weißenbach/Rhön eintrete, kommt der Mesner auf mich zu und meint: „Welch ein Glück, dass heute die Heizungen in den Kirchen von Unterfranken gehen. Als ich unsere eingeschaltet habe, kam kein Strom. Ich habe beim Unterfänkischen Überlandwerke angerufen. Die haben mir gesagt, dass vergessen worden ist, alle Kirchenheizungen an diesem Wochentag zu entsperren“. Tatsächlich war es so, dass die Zufuhr von Strom für Kirchen gerade am Nachmittag teilweise gesperrt war, um die hohe Stromlast in anderen Bereichen auszugleichen.

Im Gottesdienst habe ich ihm öffentlich für sein achtsames Handeln gelobt. Dabei habe ich einen Weihnachtswunsch hinterher geschickt: „Jetzt kommt es darauf an, dass es für uns alle auch warm im Herzen wird und nicht nur warm im Hintern“. Ich war über den spontanen Stabreim innerlich begeistert. Diese meine Begeisterung haben aber leider nicht alle Gottesdienstbesucher geteilt und es gab hinterher einige Diskussionen. Aber letztendlich haben die Gemeindemitglieder mir das als 26-jährigen neuen Pfarrer verziehen. Bis heute finde ich diese Formulierung durchaus witzig. Aber über Geschmack lässt sich ja bei Witzen immer auch streiten. Aber was mich wirklich gefreut hat, war: Der Mesner hat vom Stromversorger als Dank 30,– DM geschenkt bekommen.

Aber den Gedanken, dass Jesus in unseren Herzen wohnen soll, trifft Hanna Hümmer sehr gut mit folgenden Worten: „Ewiger, du wohnst nicht nur in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind. Du wohnst in der Tiefe unserer Herzen und weites uns zur göttlichen herberge, zur Hütte Gottes in dieser Zeit“.

Und als Einstimmung für diesen Tag ein kleines Klavierstück von meiner Schwägerin Silvia. Sie interpretiert ein bekanntes Weihnachtslied, das von Dieter Falk modern umgestaltet wurde.

Wenn Corona will, steht (wieder überall) fast alles still, update 283 vom 23.12.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Wie sieht das Christkind aus?

Morgen ist der 24.12.2020. Heiliger Abend. Ein Tag, der für einen Pfarrer zu den wichtigsten Tagen zählt. Manche Menschen sagen zu mir: „Ich will sie da gar nicht stören. Sie haben da ja so viel zu tun“. Stimmt. Auf der anderen Seite muss ich nicht jedes Jahr das Rad neu erfinden. Lieder und Predigtgedanken ähneln sich Jahr für Jahr. Ein wenig gilt wohl für jeden Pfarrer das Motto: „Alle Jahr wieder kommen die Gottesdienste um das Christfest“. Außerdem stehen bei mir spätestens am 23.12. alle Predigten, Abläufe und Gebete.

Heute schreibe ich über eine Erinnerung aus meiner Kindheit. Ich komme aus der evangelischen Gegend um Rothenburg o/T. Die Christvesper war immer um 18.00 Uhr. Vorher mussten wichtige Arbeiten erledigt werden. Getreide schroten – kurzes Mittagessen – im Stall mithelfen – Kirchgang – zu Hause Plätzchen essen. Es war ein eingespielter Vorgang.

Als ich ein kleines Kind mit etwa 5 Jahren war, gab es noch eine besondere Situation. Ein oder zwei Mädchen von ungefähr 10 Jahren gingen von Haus zu Haus im weißen Gewand und mit Flügeln auf dem Rücken. „Das ist das Christkind“ wurde mir gesagt. Sie brachten ganz kleine Geschenke mit. Danach folgte eine Aufforderung, das Vaterunser zu beten. Das war für mich schon als kleines Kind kein Problem. Ich bin jeden Sonntag im Gottesdienst dabei gewesen und habe am Abend dieses Gebet gesprochen. Nach dem „Aufsagen“ des Vaterunsers wurde ich gelobt. Auch bei meinen Geschwistern war das so.

Aber war diese Tradition auch gut? Vielleicht haben mir und anderen Kindern die Knie beim Aufsagen gezittert? Vielleicht kam etwas in mein Leben hinein, das den Glauben an Jesus mit „Lernen“ und „richtigem Aufsagen“ in Verbindung gebracht hat? Da wird Glauben an Jesus schnell bewertet mit „richtig“ oder „falsch“. Dann entwickelt sich vor allem ein „verkopfter“ Glaube. Dabei bin ich gar nicht dagegen, dass Menschen Texte kennen und lernen, die andere Christen geschrieben haben oder in der Bibel stehen. Aber Glaube als Beziehung bedeutet doch noch etwas anderes: sein Herz öffnen und die Liebe Gottes in sich spüren. Denn er selbst, Gott, ist zu uns gekommen ohne jegliche Vorbedingung.

Hanna Hümmer von der Christusbruderschaft Selbitz schreibt: „Gott hat sich so klein gemacht, dass wir ihn empfangen können: im Stall, in der Krippe, in Brot und Wein. Unfassbares Geschehen der Entäußerung Gottes“.

Wenn Corona will, steht (wieder überall) fast alles still, Update 282 vom 22.12.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Christus bekennen als „mein Herr und mein Gott“

Am 21.12. feiern evangelische Christen den Thomastag. Ich habe darüber gestern geschrieben. Die Kirche in Altensittenbach ist nach ihm benannt. Wer die Kirche betritt, dem fällt sofort der Altar auf. Er sieht die Szene, wie Thomas seine Hand in die Seite von Jesus legt als Beweis für dessen Auferstehung. Diese Handlung wird in der Bibel selbst nirgends erzählt. Der Apostel hat an Jesus auch ohne diese Tat geglaubt und sich zu ihm bekannt mit den Worten. „Mein Herr und mein Gott“ (Johannes 20, 28).

Ich denke, dass dieses Bekenntnis und die aus der Bibel dahinterstehende Geschichte bis heute den Geist der Kirchengemeinde Altensittenbach gut beschreibt. Seit dem 1. Advent 1970 ist sie ein selbständiges Pfarramt gemeinsam mit der Kirchengemeinde Oberkrumbach. Vorher war Altensittenbach die zweite Pfarrstelle von Hersbruck. Wir wollten das diesjährige 50-jährige Bestehen mit einigen Veranstaltungen feiern. Immerhin klappte der Liederabend mit dem Ehepaar Kropf und der Gottesdienst mit dem Gospelchor aus Hersbruck (genau eine Woche vor dem Lockdowon im Frühjahr).

Ursprünglich war es so, dass Altensittenbach die „Mutterpfarrei“ aller Pfarreien nördlich der Pegnitz war. Sie war eine Eigenkirche des Bistums Eichstätt und wurde zwischen 1062 und 1071 durch Bischof Gundekar geweiht. Die Forscher weisen darauf hin, dass die Altensittenbacher Kirche älter ist als die von der Äbtissin Wiltrud beim Hersbrucker Klosterhof gegründete Kirche. So war Altensittenbach auch die Mutterpfarrei von Hersbruck. Das wird schon allein dadurch belegt, dass die Hersbrucker in früheren Zeiten ihr Kirchweihfest am 21.12. (dem Thomastag) gefeiert haben. Sie richteten sich also nach dem Namenspatron ihrer Mutterpfarrei, eben Altensittenbach. Erst später erging es Altensittenbach so wie vielen anderen Gemeinden: Die Filialkirche wurde größer und bedeutender als die Mutterkirche und machte diese dann zur abhängigen Filialkirche.

Hersbruck ist heute als frühere Kreisstadt eine Stadt mit etwa 13.500 Einwohner. Altensittenbach dagegen hat etwa 2000 Bürger. Wichtiger ist die andere Beobachtung: Von Altensittenbach aus wurde das Land nördlich der Pegnitz missioniert. Und diese „missionarische“ Grundgesinnung wird bis heute bei vielen Christen hier gelebt. Menschen sollen Jesus als ihren lebendigen Herrn erfahren. Dieses Leitthema bestimmt bis heute alle Aktivitäten in der Thomaskirche so wie das der Apostel Thomas mit seinem Bekenntnis ausgedrückt hat. Und ich hoffe, das bleibt auch in Zukunft so.

Wenn Corona will, steht (wieder überall) fast alles still, Update 281 vom 21.12.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Ungläubig oder doch nur voller Fragen?

Es ist nicht das erste Mal, dass der Jünger Thomas bei diesen Updates erwähnt wird. Er spielt in Altensittenbach eine große Rolle, weil die Kirche nach ihm benannt wird. Dabei kommt er in der Bibel relativ schlecht weg. Schon Kinder der 4. Klasse sprechen vom „ungläubigen“ Thomas.

Das erinnert an die Geschichte, die „nur“ beim Evangelisten Johannes im 20. Kapitel erzählt wird. Jesus ist seinen Jüngern nach der Auferstehung mehrmals erschienen. Bei der ersten Begegnung war aber der Jünger Thomas nicht unter ihnen. Die anderen erzählten danach natürlich begeistert die Begegnung mit dem Auferstandenen. Jesus hatte ihnen den Friedensgruß zugesprochen. „Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nehmet hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten“ (V. 21 – 23). Thomas staunte ungläubig und konnte diese Geschichte nicht glauben. „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger n die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich es nicht glauben“ (V. 25).

Nach acht Tagen waren die Jünger – diesmal mit Thomas – wieder zusammen und Jesus tritt bei verschlossener Tür mitten unter sie. Nach dem Friedensgruß geht er auf Thomas zu und bittet ihn, seine Hand in die Seite von ihm zu legen. „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig“ (V. 27b) spricht Jesus zu ihm. Diese Aufforderung von Jesus führt zu dieser Bezeichnung vom „ungläubigen“ Thomas.

Interessant ist, dass Thomas sofort bekennt: „Mein Herr und mein Gott“ (V. 28). Nirgends wird in der Bibel erwähnt, dass er dieser Aufforderung von Jesus Folge geleistet und seine Hand in die Wundmale an der Seite gelegt hat. Er hat sein Bekenntnis also allein durch die Gegenwart des Auferstandenen abgelegt. War er ungläubig im herkömmlichen Sinn? Doch wohl nicht!! Er hat es nur genau wissen wollen. Er wollte sich nicht mit „frommen Sprüchen und Erlebnissen“ abspeisen lassen. Er wollte sehen, erleben, hören, fühlen, erkennen.

Finde ich gut! Auch mir ist es wichtig, dass Menschen diesen Auferstandenen selbst konkret erleben in ihrem Leben. Sie sollen nicht nachplappern, was andere sagen. Sie sollen selbst Erfahrungen mit Jesus machen und spüren, dass dieser Jesus als der Lebendige auch noch heute wirkt. Aus diesem Grunde spreche ich lieber vom „fragenden“ Thomas, der die Wahrheit wissen will und konkrete Erfahrungen mit Jesus sucht.

Thomas hat diese innere Begeisterung für Jesus so gelebt, dass er später vermutlich über den Irak und dem Iran bis nach Indien gekommen ist. Dort soll er als Märtyrer gestorben sein und seine Grabstätte liegt in Mylapore in Südindien. Über dem Grab steht die St. Thomas Basilica. Am 21.12. feiern evangelische Christen seinen Gedenktag. Die Kirche in Altensittenbach ist nach ihm benannt. Und das gibt mir den Impuls, darüber morgen zu schreiben.

Wenn Corona will, steht (wieder überall) fast alles still, Update 280 vom 20.12.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Ich seh den Sternenhimmel

Das war wirklich etwas Neues und hat viele Musikvorstellungen in den Schatten gestellt, die sog. „Deutsche Welle“ Ende der 70-er und Anfang der 80- er Jahre. Rückblickend wird bei den Ranglisten vor allem ein Lied zu Recht an erster Stelle genannt: „99 Luftballons“ von Nena. Es ist ein wirklich beeindruckendes „Friedenslied“, das mit viel Kreativität getextet und gesungen wird.

Heute denke ich aus gegebenem Anlass an ein besonderes Lied aus dieser Stilrichtung. Es ist das Lied „Sternenhimmel“ von Hubert Kah. Der Sound ist beeindrucken, der Text allerdings durchaus diskussionswürdig. „Mit dir in der Südsee stehn. In den Abendhimmel sehn. Oh guter Mond am Firmament. Spür wie meine Sehnsucht brennt. Oh komm Czigan spiel für uns allein. Die Melodie brauch ich zum Glücklichsein“. Aber gut, es gab schon Melodien mit weniger Gehalt. Und immer hin drückt Hubert Kah in Bildern seine Liebe aus.

Der Sache nach aber hat er vor allem morgen Abend Recht. Denn wer da in den Himmel sieht, der sieht die sog. „Große Konjunktion“. So wird die enge Begegnung der beiden größten Planeten unseres Sonnensystems genannt. Der Gasriese Jupiter überholt den Ringplaneten Saturn. Beide sehen dann aus wie ein auffallend heller optischer Doppelstern. Etwa alle 20 Jahre findet dieses Schauspiel statt. Morgen Abend um 18:37 Uhr stehen sie am Nächsten beieinander. Ich finde es spannend, dass dies 2020 so nah am Christfest geschieht. Denn Wissenschaftler meinen, dass diese Konjunktion der Auslöser für die Bezeichnung des „Sterns von Bethlehem“ ist.

Damals vor gut 2000 Jahren gab es natürlich noch keine solch genauen Aufzeichnungen wie gegenwärtig. Aber der Jupiter steht in der Sternenlehre von damals für einen „König“. Der Saturn stand für „Juden“. Also haben die gelehrten Astronomen und Astrologen (eine Unterscheidung zwischen diesen beiden Begriffen gab es damals nicht) gedeutet: Im Volk der Juden ist ein neuer König geboren! Und warum sollte Gott nicht solche Himmelerscheinungen benutzen, um auf den König der Welt hinzuweisen.

Ganz ehrlich: Ich würde mir oft genug wieder solch ein weltbewegendes Eingreifen Gottes in diese sichtbare Wellt wünschen. Nicht nur, um den Coronavirus zu besiegen, sondern auch dafür, dass wieder mehr Menschen an Jesus als den Christus glauben. Denn Jesus soll Realität bei den Menschen sein – und nicht nur zur Weihnachtszeit.

Wenn Corona will, steht (wieder überall) fast alles still, Update 279 vom 19.12.2020

Tägliche Gedanken von Pfr. Gerhard Metzger in einer schwierigen Zeit

Lerne von Maria

Gestern habe ich schon davon geschrieben, dass der 4. Advent ein besonderer Tag für evangelische Christen in ihrem Verhältnis zu Maria, der Mutter von Jesus ist. Wie oft höre ich die Rede: „Das mit der Maria ist nur etwas für Katholiken“. Wer so redet vergisst, dass auch für Martin Luther Maria eine besondere Person war.

Das hängt schon damit zusammen, dass ihre Mutter Anna die Lieblingsheilige des Reformators war. Im Gewitter von Stotternheim am 2. Juli 1505 hatte er solche Angst, dass er genau diese Heilige angerufen hat mit den Worten: „Heilige Anna, hilf mir“.

Luther hat den Lobgesang der Maria ausgelegt und seine Worte gehören auch nach katholischen Meinungen zu den schönsten Predigten, die die Christenheit je hervorgebracht hat. Im Konzil zu Ephesus im Jahr 431 n. Chr. wird Maria als „Gottesgebärerin“ bezeichnet. Diese dogmatische Formel haben auch die evangelischen Theologen übernommen. Auch das Dogma der „Jungfrauenschaft“ von Maria gilt für evangelische Christen als wichtig. Damit wird ausgesagt, dass Jesus von Gott gezeugt ist und nicht nach dem Willen eines irdischen Mannes. Beide Dogmen sind nach meiner Meinung unverhandelbar im Gespräch mit Theologen anderer Meinung.

In Lukas 1, 30 nennt der Engel Maria „Die Begnadete“. Mit diesem Begriff ist ein Weg zur Lehre Luthers vom Leben eines Christen „allein aus Gnade“ vorgezeichnet. Maria ist nach Luther „die Morgenröte“, weil sie Christus, den wahren Tag, das ewige Licht und die Sonne der Gerechtigkeit zur Welt gebracht hat „ohne Manns- und Menschenwerk“ wie es der Reformator ausgedrückt hat. Allerdings grenzt er sich auch klar ab, wenn nur der leiseste Anschein entsteht, Maria habe ihre himmlische Qualität aus guten Werken erlangt. Luther unterscheidet darin, das Maria zwar eine „Fürbitterin“ sei, aber keine „Fürsprecherin“. Maria dient dazu, dass immer auf Jesus hingewiesen wird und das Lob Gottes im Mittelpunkt steht.

Aus all diesen Gründen können auch evangelische Christen Maria als Vorbild im Glauben sehen, auch wenn sie neuere Mariadogmen nicht mitgehen können (siehe mein Update 152 vom 14.08.2020).  Eine sehr schöne Meditation dazu habe ich von Hanna Hümmer (Kommunität Selbitz) gefunden. „Gottes Geheimnisse bedürfen einer Reifezeit in unserem Leben. Lerne von Maria! Gottes Licht fiel auf sie, und sie war bereit, die Strahlen zu erfassen. Sie nahm das Wort des Engels auf und barg es in sich wie eine Blüte, die die Strahlen der Sonne empfangen hat und sich am Abend wieder verschließt. Maria lebte mitten unter den Menschen und trug eine Verheißung in sich“.